Wer Ralf Hermanns Reich betritt, lernt als Erstes den Plural. 25000 Sande besitzt der Sammler aus dem niedersächsischen Cramme, das macht ihm so schnell keiner nach, und jetzt will er das erste wirklich ernst zu nehmende Sandmuseum der Welt errichten, das Deutsche Sandmuseum. Im Sommer 2009 soll es öffnen. Letzte Woche war Baubeginn.

Wenn sich Ralf Hermann, 44 Jahre alt, Stadtarchivar in Salzgitter, für etwas interessiert, dann richtig. Einst fing er in der Kalahari Schlangen und importierte sie nach Deutschland. Damit sie sich hier wohlfühlen, ließ er zentnerweise Wüstensand nachkommen. Irgendwann schaute er sich den Sand genauer an. So ging das alles los.

Genau anschauen heißt: unterm Mikroskop. Da tun sich wirklich Welten auf. Denn alles, was einmal Fels war oder Stein oder Kristallklumpen, das wird eines Tages zu Sand zerrieben, Korngröße 0,063 bis 2 Millimeter. Sand heißt Achatsand, Saphirsand, Granatsand, Goldsand. Sogar Diamantsand hat der Archivar im Keller liegen. In Döschen, katalogisiert und beschriftet.

Seine geologisch-mineralische Perspektive teilt Hermann nur mit ein paar Hundert Sandenthusiasten in Europa. Dieser Aspekt allein würde ein Museum nicht rechtfertigen. Die meisten "Arenophilen" – von lateinisch arena , Sand – begeistern sich für rote Wüstensande, schwarze Kanarensande oder weiße pudrige Südseesande. Kreta hat rosafarbene Sandstrände, da kommt der Elafonisisand her. Populär ist auch Sand, der aus winzigen Muscheln oder Foraminiferen besteht, schalentragenden Einzellern. Manche sehen wie Sterne aus, dann spricht man von Sternensand. Wer sich den unter der Lupe anschaut, wird starr vor Staunen.

Fast alle Sammler sind Urlauber, die ihre Funde in Filmdosen oder Bierflaschen heimschleppen. Sand ist ihnen eigentlich kein mineralogisches Phänomen mehr, sondern ein Erinnerungsträger. Ein mit Geschichten aufgeladenes Geriesel, das die Geheimnisse eines Ortes enthält. Solche persönlichen Proben besitzt Ralf Hermann auch. Einmal stand er am Rand des Vulkans Pico und schaufelte vulkanischen Sand in eine Tüte. Da schmolzen plötzlich seine Stiefel. 70 Kilogramm Sand habe er später am Flughafen auf die Waage gewuchtet – das war reichlich Übergepäck.

Begehrt ist auch Material von geschichtsträchtigen Plätzen. Hermann besitzt Sand aus den Nazibunkern der Wolfsschanze, Sand von der Baustelle des Olympiastadions in Sydney, Sand aus dem Atommüll-Endlager Schacht Konrad. Den New Yorker Bürgermeister hatte er um Sand von Ground Zero gebeten, aber keine Antwort erhalten. Auch fehlt ihm noch Sand aus dem Vatikan.

Begehrte Sande – gibt es also einen Sandmarkt? Nein, sagt Hermann. Sandsammler sind anders als Uhren-, Oldtimer- oder Fayencensammler. Denn Sand ist zwar etwas wert, kostet aber nichts. Unter Arenophilen sei es eine Frage der Ehre, dass Sand nicht verkauft werden dürfe, nur getauscht. Eins zu eins. Eine Tüte Sylt gegen eine Tüte Tahiti. Seit 1985 gibt es deutsche Sandtauschtreffen. Neuerdings werden, seit Sand in Mode kommt, Tütchen bei eBay eingestellt, das Kilo zu 30 Euro. "Fürchterlich!", sagt Ralf Hermann.