Es ist 7.30 Uhr morgens, wir stehen vor dem Gebäude der United States Citizenship and Immigration Services in Manhattan, Nummer 26, Federal Plaza. Ein offizielles Schreiben berechtigt mich und meine Gäste – Ehemann und Sohn – zur Teilnahme an der Naturalization Oath Ceremony im dritten Stock, Zimmer 310.

Unzählige Male war ich hier. Vor 13 Jahren fing es mit einem Visum an, gefolgt von einer Aufenthaltsgenehmigung; heute soll die Bürokratieschlacht mit meiner Einbürgerung enden. Dem voraus gingen das monatelange Zusammentragen eines gewaltigen Dokumentenhaufens und zuletzt ein Interview, für das die Antworten auf 97 Fragen zum amerikanischen Staat parat zu haben waren. Seitdem überrasche ich arglose Amerikaner heimtückisch mit der Frage nach ihren 13 Gründungsstaaten und genieße meinen hart erpaukten Wissensvorsprung, wer weiß, wie lange er hält.

Nach Überwindung der Sicherheitsschleuse werde ich im dritten Stock von der Familie getrennt und in einen neonbeleuchteten Saal gelenkt, prall gefüllt mit jenem bunten Völkchen, das den typischen New Yorker Bevölkerungsquerschnitt darstellt. Die Mitarbeiter der Behörde, die uns zuvorkommend unsere Plätzen anweisen, verströmen eine für diesen Ort bisher ungewöhnliche menschliche Wärme; nachsichtige Milde glänzt auf ihren Gesichtern, ja sogar eine gewisse Euphorie. Die etwa 250 zukünftigen Neubürger umgibt dagegen eher eine Atmosphäre leichter Erschöpfung, bestenfalls zaghafter Neugierde.

Auf unseren Stühlen wartet neben allerhand Broschüren ein Briefbogen. In der Mitte oben prangt ein Prägestempel: Adler mit ausgebreiteten Schwingen und in Beutehaltung gespreizten Klauen. Wieso eigentlich immer Adler? Unter dem Wappen steht in dezentem Schwarz "The White House, Washington". Der Präsident hat mir geschrieben: "Dear Fellow American, I am pleased to congratulate you on becoming a United States Citizen. You are now part of a great and blessed Nation. I know your family and friends are proud of you on this special day." Ich drehe mich um und winke der family zu, die ganz hinten sitzt und zurückwinkt.

Links neben mir faltet ein Chinese in einer Art Clubjacke und hellgrünem Hemd andächtig die Hände über dem Bauch, zu meiner Rechten dreht ein bräunlich verschrumpeltes, in blau fließende Gewänder gehülltes Mütterchen das Heftchen mit der Verfassung in den Händen, das zusammen mit dem Präsidentenbrief verteilt wurde. An der Wand vor uns, auf einem Flachbildschirm, flattert das Sternenbanner, wird jedoch unvermittelt vom vertrauten Anblick meines zukünftigen Nochpräsidenten verdrängt. Die Textzeile "Love for family and love for country" huscht während seiner Ansprache unter seinem Kinn vorbei. Ich spüre einen winzigen Fluchtreflex. Eine Mitarbeiterin der Behörde tritt an ein Stehpult, hinter dem sich eine Nationalflagge aus Stoff mächtig spannt, und fordert uns auf, uns bei der Nennung unseres Herkunftslandes zu erheben. Bei G wie Germany steht schon ein Wall aus Afghanistan, Columbia, Denmark und Ecuador und verdeckt den neugierigen Blick auf eventuell anwesende Landsleute. Das Mütterchen neben mir bleibt bis zum Schluss sitzen. Ich frage flüsternd nach ihrer Heimat, verständnislos starrt sie mich an. Wie ist sie bloß durch den, zugegeben nicht sehr anspruchsvollen, Sprachtest gekommen? Hat sie den Namen ihres Landes nicht verstanden oder schon so lange auf diesen Tag gewartet, dass sie längst vergessen hat, wo sie herkommt?

Wir beklatschen alle 62 vertretenen Länder und uns selbst für überstandene Strapazen, jenseits des Ganges schwenkt jemand wie wild ein amerikanisches Fähnchen, dann spricht eine – wie sie uns stolz mitteilt – selbst eingewanderte Mitarbeiterin der Behörde den Eid vor. "I pledge allegiance", sage ich, ich schwöre Treue, und denke an den Morgen nach der letzten Wahl, an dem ich im Zustand ungläubigen Schocks durch die Wohnung taumelte und schwor, nach Hause zurückzukehren, sollte der Mann sich jemals überreden lassen, doch noch Deutsch zu lernen, oder, besser, nach Italien zu ziehen, einem Land, dessen Sprache er beherrscht, die sowieso schöner klingt und wo alle paar Jahre ohnehin Berlusconi dran ist und sich nie was ändert, weshalb man sich also gar nicht erst in falschen Hoffnungen verliert… Aber dann kam, wie so oft, das Leben dazwischen.

"…with liberty and justice for all." Ein strahlender Behördenmitarbeiter händigt uns unter Beglückwünschungen unsere Einbürgerungsurkunden aus und damit unseren verfassungsrechtlich verbrieften Anspruch auf "Pursuit of Happiness". Ich bin entschlossen, ihn einzulösen. Am 4. November wird gewählt. Pia Frankenberg