Mein persönliches Schlüsselerlebnis in Sachen Weltpop spielt vor sechs Jahren auf einer Autofahrt ins Innere von Lagos, Nigeria. Bereits die Luft vor dem Flughafen war wie ein Faustschlag gewesen. Wir – zwei Journalistenkolleginnen, ein Labelbetreiber und ich, die das Interesse an nigerianischem Hip-Hop zusammengewürfelt hatte – wussten nicht, was uns erwartet, hatten aber gehörigen Respekt: Der Ruf von Lagos als Hauptstadt des Chaos ist legendär schlecht. In Erwartung kommender Kulturschocks sanken wir tiefer in unsere Wagensitze, doch schon die ersten Gestalten draußen wirkten seltsam vertraut. Der eine trug ein Eminem-T-Shirt, der zweite eine Baseballkappe, der dritte offerierte gefälschte Rolex-Uhren und zeigte dabei das breite Grinsen Snoop Doggy Doggs.

Das gleiche Bild bei den Hip-Hoppern selbst. Sie trugen adidas, Puma und Nike, sie sagten "Yo" und "Man", sie klatschten sich und uns zur Begrüßung nach allen Regeln der Kunst ab: Style war auch hier alles. Der Chefredakteur des lokalen Rap-Magazins fuhr gar einen silbermetallic lackierten Mercedes SL mit dem amtlichen Kennzeichen "HipHop World", was so in New York oder Los Angeles wohl nicht möglich gewesen wäre, in Lagos jedoch, Geld und Kenntnis der richtigen Leute vorausgesetzt, kein Problem darstellt. Lagos sei die einzige Stadt, in der ein Blinder einen Führerschein machen kann, erzählte der Mann uns lachend. Ansonsten aber waren die nigerianischen Hip-Hopper schwer von ihren US-amerikanischen Vorbildern zu unterscheiden: der gleiche Gang, derselbe Habitus, Déjà-vus allerorten.

Auch Afrika, der Sehnsuchtskontinent aller Musiksucher, ist eben keine Weltgegend mehr, in der die Uhren wesentlich anders ticken als anderswo. Computer gibt es längst auch hier, die nötige Software dazu lässt sich beschaffen, und der Sprechgesang – letztlich geht man in Nigeria davon aus, dass er sowieso von Afrikanern erfunden wurde. Längst hat sich in den großen Städten eine Szene gebildet, die technisch und musikalisch den Anschluss an die westliche Welt sucht, und mit jeder Raubkopie, die auf einem der Straßenmärkte ihren Besitzer wechselt, werden es mehr. Wer in dieser Umgebung das "authentische Afrika" sucht, stößt bestenfalls auf Unverständnis: Immer schon, vom Highlife-Jazz bis hin zum Afrobeat der siebziger Jahre, war nigerianische Musik an internationalen Vorbildern ausgerichtet, sie bot eine Chance auf Modernität inmitten ungünstiger Lebensverhältnisse.

Noch in der bescheidensten Hütte ist MTV schon da

Globalisierung, mit anderen Worten, meint nicht nur die internationale Verflechtung von Märkten, es gibt auch eine Globalisierung der Bilder und der Töne. Mit der Schallplatte breitete sie sich aus, die CD brachte massenhafte Reproduzierbarkeit. Musikfernsehen und Internet haben den Prozess zusätzlich beschleunigt: Noch in der bescheidensten Hütte ist MTV immer schon da. Natürlich ist dies eine Entwicklung, die nicht auf Afrika begrenzt ist. Überall auf der Welt, von Ulan Bator bis Johannesburg, von Brasilien bis an den Bosporus, tanzt man zu einem globalen Beat. Was von den regionalen Traditionen geblieben ist, wird zur Klangfarbe: Lokalkolorit im allgemeinen Pop-Esperanto. Das Etikett "Weltmusik" freilich wirkt seltsam antiquiert angesichts dieses Spiels mit Codes und Samples. Angemessener wäre es, von Weltpop zu sprechen: hybriden Sounds für ein globales Zeitalter.

Verglichen mit der Tragweite des Sachverhalts, hat sich die Erkenntnis erstaunlich langsam durchgesetzt. Seit den späten Achtzigern, als der strategische Begriff "World Music" im Hinterzimmer eines Londoner Pubs geprägt wurde, existiert zwar ein Label für Musikstile jenseits der Dominanz Angloamerikas. Doch musste vom Gamelanorchester aus Bali bis hin zum modernsten Fusionpop alles darin Platz finden. Umgekehrt hat der weiße Rock’n’Roll sich zeitweilig so weit von allen afroamerikanischen Einflüssen entfernt, dass man ihn für eine Erfindung Elvis Presleys halten könnte. Die Folge war eine Art wechselseitiger Apartheidspolitik: Während der Weltmusikfreund dazu neigte, sich mit "authentischer" Musik vom kulturindustriellen Einheitsbrei zu erholen, führte man die Musiken der Welt bei der Recording Industry Association of America (RIAA) marginalisierend unter "Other".

Mindestens ebenso lange gibt es ein Unbehagen in der hiesigen Popkultur, das sich in Hilfsspektakeln und Benefizkonzerten äußert – und doch nie ganz den Eindruck zerstreuen konnte, hier würde das Richtige mit falschen Mitteln gewollt. Peter Gabriels Engagement für nichtwestliche Musikstile: löblich, aber ein Massenpublikum erreichte er damit nie. Bob Geldof wiederum brachte noch 2005 das Kunststück fertig, sein Londoner Live-8-Konzert zugunsten Afrikas ohne einen einzigen afrikanischen Musiker zu planen. Projekte dieser Art krankten daran, dass dem Engagement für die gute Sache immer auch der Dienst am guten Gewissen anzumerken war: Charity-Pop als kultureller Ablasshandel. Unterdessen allerdings sind die Grenzen zwischen Pop und "Weltmusik" selbst durchlässig geworden. Björk etwa lud sich zu ihren Eskimochören auch Stammestrommeln ins Studio, und Manu Chao landete mit seiner Mixtur aus Straßenmusik, Technobeats und engagierten Texten einen Welthit.