Es scheint den "bekennenden Neoliberalen" dieser Tage auszuzeichnen, dass eine Prise Opportunismus zum Handwerk gehört. Anders ist nicht zu erklären, was der ZEIT- Leser Benedikt Langer in seiner Replik Neo-Neoliberal (ZEIT Nr. 44/08) auf Susanne Gaschkes Artikel Die Neunmalklugen (ZEIT Nr. 43/08) postuliert.

Dass der Staat in dieser Finanzkrise der eigentliche Verursacher gewesen sein soll, weil er billiges Geld zur Verfügung stellte – was im Übrigen nicht originär "der Staat" tut, sondern unabhängige Notenbanken koordinieren –, ist eine reichlich verwegene Behauptung, wenn man bedenkt, dass ebendies, die Bereitstellung billigen Geldes, stets eine Forderung der Vertreter des Marktes war. Zudem sollte ein vorgeblich derart gut funktionierender Markt solche Unstimmigkeiten selbst zu lösen imstande sein.

Langer führt ferner die Liquiditätsengpässe am Kapitalmarkt und die wechselseitige Weigerung der Banken, sich im sogenannten Interbankenhandel Kredite zu geben, als Beleg für einen funktionierenden Markt an. Doch ein wirklich effizientes System hätte die Blase nicht nur erkannt respektive verhindert, bevor es zu spät gewesen wäre – ein solches System hätte auch nach dem Platzen der Blase aus eigener Kraft einen Zusammenbruch vermieden, ohne auf milliardenschwere Kapitalspritzen des vormals so verachteten Staates angewiesen zu sein.

Dass ein Sozialstaat der Umverteilung bedarf, um sein Überleben zu sichern, dürfte für einen Banker mittlerweile ein bekanntes Prinzip sein, folgt doch auf jeden Boom, insbesondere in Amerika, der große Kater, wo mit vorübergehender Umverteilung (vom Staat und somit dem Steuerzahler) das wirtschaftliche Überleben der betreffenden Unternehmen garantiert wird.

Was diesmal bleibt, ist hoffentlich ein Abschied vom Laisser-faire und eine Ernüchterung – im Übrigen auch im Bezug auf den Haushalt, dessen defizitäre Lage die Rettungen der Banken schwerlich verbessert haben dürfte.

Ole Schley ist Schüler und ZEIT-Leser in Hamburg

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