Nichts ist peinlicher, als Anglizismen zu verteufeln. Seit sich in der klassischen Sprachkritik immer mehr Ideologen tummeln, seit junge Nationaldemokraten demonstrativ von Weltnetz statt Internet sprechen, seit konservative Didaktiker ihre Muttersprache bloß wegen ein paar hübscher Komposita wie Weltschmerz, Hassliebe, Schoßhund als wertvollstes Kulturerbe der Menschheit preisen und schlechter Stil als Mangel an Nationalgefühl gilt – seitdem möchte man sich Kritik lieber verbeißen. Peinlicher als jeder Service Point ist stolzdeutscher Sprachpurismus. Schön ist die Lehnübersetzung Gehirnwäsche. Und dennoch! Im Firmendeutsch haben sich englische Ausdrücke eingebürgert, die nichts als rhetorische Hochstapelei sind. Das Wort "Internet-Top-Level-Domain" zu benutzen, wie es eine Berliner Firma in einem Presserundbrief tat, hat nichts Fachmännisches, sondern etwas Fachidiotisches. Am idiotischsten aber ist der Mode-Ausdruck "Wording", den neuerdings sogar Buchverlage verwenden. Da wird man als Journalist um ein Wording statt um einen Essay, einen Kommentar, eine Glosse gebeten. Was soll Wording sein? Ein beliebiger Wortbrei zu einem beliebigen Thema. Wo es auf das Genre schon nicht mehr ankommt, wird bald auch die Aussage egal sein. Armes Deutschland.Evelyn Finger

a www.zeit.de/audio