Die Tür war einmal weinrot. Jetzt ist die Farbe an vielen Stellen abgeblättert. Über die Jahrzehnte haben sich tiefe Furchen ins Holz gegraben, Spuren der Hausbewohner, die hier ein und aus gegangen sind. Nein, sie ist gewiss nicht schön, diese Tür in der Rue d’Aubervilliers 52. Ebenso wenig wie die beigegraue Fassade des Hauses, zu dem sie gehört. Die vorbeihastenden Menschen, mit Plastiktüten aus dem Discounter bepackt, mit Handys am Ohr, schenken ihr denn auch keine Beachtung.

Für Nicolas Simarik ist diese Tür im 19. Arrondissement, im Nordosten von Paris, dennoch ein lieu insolite, ein ungewöhnlicher, bemerkenswerter Ort. "Sie erzählt mir etwas über das Leben in diesem Viertel. Die Leute, die hier wohnen, müssen aufs Geld schauen. Die Mieten sind niedriger als anderswo in Paris." Jede zweite Wohnung im Bezirk ist eine Sozialwohnung. Die Zahl der Alleinerziehenden ist hoch, zeigen die Statistiken, auch die der Schulabbrecher, Armen und Arbeitslosen.

Simarik ist Künstler, aus Creil in Nordfrankreich. Ein Mann mit fröhlichem runden Gesicht und einem Bauch, der ihn älter wirken lässt, als er tatsächlich ist. In den vergangenen Monaten ist der 31-Jährige durch die Straßen von Paris gestreift auf der Suche nach ungewöhnlichen Orten. So wie jetzt, in ausgetretenen braunen Stiefeln und grauer Windjacke. 82 solcher Flecken hat er gefunden, die Hälfte davon im 19. Arrondissement. Es sind keine Sehenswürdigkeiten, wie sie Reiseführer beschreiben, die halten hier höchstens den Parc de la Villette mit seinen Kulturinstitutionen für erwähnenswert. Simarik geht es vielmehr um "Dinge, die man normalerweise übersieht": Graffiti an den Wänden zum Abbruch stehender Häuser, Ausblicke wie der von einer Eisenbahnbrücke auf den Rangierbahnhof des Gare de l’Est. Oder eben auch alte Fenster und Türen wie die in der Rue d’Aubervilliers 52.

Entstanden ist dabei ein Kunstprojekt, das die Augen öffnet für das Besondere im Alltäglichen. Und es ist kein Zufall, dass Simarik im 19. Arrondissement danach suchte. Nur ein paar Hundert Schritte entfernt von der weinroten Tür hat dieser Tage in der Rue d’Aubervilliers das Centquatre eröffnet, Hausnummer 104. Ein Kulturzentrum, wie es Paris bislang nicht gesehen hat: Auf 39000 Quadratmeter Fläche, in einem riesigen Hallenkomplex, hat die Stadt eine Künstlerresidenz geschaffen, ein Experimentierfeld, einen Treffpunkt für Künstler und ihr Publikum. Und Nicolas Simarik ist einer der Ersten, die hier arbeiten und ausstellen dürfen.

Natürlich hat Paris berühmte Museen wie den Louvre oder das Grand Palais, auch große Theater- und Konzertsäle. Was aber bisher fehlte, waren bezahlbare Ateliers und Probenräume. "Ich kenne das aus eigener Erfahrung", sagt Frédéric Fisbach. Der 42-Jährige mit dem Dreitagebart ist Kodirektor des Centquatre und macht selbst Theater. "Du probst wochenlang in einem Kellerloch und musst dir vorstellen, wie das auf der Bühne vor Publikum wirkt."

Und nun das hier. Fisbach holt mit beiden Armen weit aus. Seine Stimme hallt von den hohen Sandsteinwänden wider. Er steht in einer der beiden Haupthallen des Centquatre, die so groß sind wie die Mittelschiffe mächtiger Kathedralen, aber weniger düster. Durch das gläserne Dach scheint die Herbstsonne. 70 Meter breit und 240 Meter lang, unterbrochen nur von einem kleinen Innenhof, ist der Industriebau aus dem 19. Jahrhundert, der bis 1997 das städtische Bestattungsinstitut beherbergte. Im Keller, wohin eine breite Rampe führt, waren einst die Pferde untergebracht und die Kutschen, mit denen die Toten zu den Friedhöfen transportiert wurden. Später dann die motorisierten Leichenwagen und die Werkstätten für die Automechaniker. Im Erdgeschoss und im ersten Stock liegen hinter Rundbogenfenstern die Räume, in denen der Leiter der pompes funèbres die Angehörigen der Verstorbenen empfing, wo Schreiner Särge zimmerten, Schneiderinnen mit Spitzen verzierte Inlets nähten oder Floristen Kränze banden. Jetzt belegen junge Künstler die 17 Ateliers und zwei Theatersäle: Architekten, Bildhauer, Filme- und Theatermacher, Designer, Performancekünstler, Musiker und Schriftsteller.

Die Architekten Laurent und Cyrille Berger haben in ihrem abgedunkelten Raum einen Irrgarten aus mannshohen Neonröhren aufgebaut. Wer ihn betritt, wird unsichtbar für den Betrachter. Im Atelier von Melik Ohanian laufen auf sieben Bildschirmen verschiedene Szenen eines 20-minütigen Films über ein französisches Bergdorf. Ein kleiner Bach gurgelt. Ein Mann sitzt auf einem Holzkarren, der von einem Muli gezogen wird. Jemand macht Feuer in einer halb verfallenen Hütte. Ein asiatisches Mädchen spielt eine traurige Melodie auf einem Saiteninstrument. Ein Wolf heult, eingesperrt in einem Käfig. Am Fuß einer steilen Klippe zoomt die Kamera auf ein Rudel toter Wildpferde. Ein Wohnwagen explodiert. Der Film erklärt nichts. Jeder Betrachter montiert im Kopf seinen eigenen Film, je nachdem, in welcher Reihenfolge er die Szenen verfolgt.