Ich sprach kein Wort Deutsch, als ich nach Österreich kam. Jeder Versuch, diese Sprache zu lernen, war eine Folter für mich. Und so sprach ich neben Russisch eben nur Englisch. Nach der Geburt meines Sohnes sagte mir eine Freundin, dass drei Sprachen zu viel seien für ein Kind. Das war die Motivation, doch noch Deutsch zu lernen. Für mich hat sich dadurch viel verändert. Ich hätte sonst nie meine Shiatsu-Ausbildung begonnen.

Heute praktiziere ich Shiatsu als Beruf. Hara Shiatsu, um genau zu sein. Hara heißt Bauch, hat aber in Japan eine weitergehende Bedeutung: Hara ist die Mitte des Menschen, aus der er alle Energien bezieht. Bei der Behandlung setze ich meine Arme und Hände als Verlängerung dieses Energiezentrums ein. Wenn Sie frisch verliebt sind, kann ich sogar die Schmetterlinge durch Ihre Bauchdecke hindurch ertasten.

Vier Jahre lang habe ich mich ausbilden lassen. Um zu lernen, wie man Diagnosen stellt, habe ich wildfremde Menschen auf der Mariahilfer Straße angesprochen, ob sie nicht an einer kostenlosen Massage interessiert seien. Wenn ein Mensch vor einem steht, erkennt man schon auf den ersten Blick vieles. Seine Körperhaltung, seinen Ausdruck, seine Augen. Hat er die Schultern nach vorne gezogen? Steht er fest am Boden? Anschließend wird dies durch ein Abtasten des Hara präzisiert. Meine Finger fühlen, ob sich Organe im Kyo-Zustand befinden, also von Leere, Kälte oder Energiemangel geprägt sind. Oder ob sie Jitsu ausdrücken: Hitze, Fülle, Härte, Stagnation. Das Ziel ist ein Ausgleich zwischen Kyo und Jitsu.

Meine Patienten wollen verstehen, warum sie Nackenschmerzen haben. Sie wollen Energieblockaden lösen, damit sie den Kopf für Wesentliches freibekommen.

Es ist auffällig, wie viele Menschen vom Geld getrieben und nie mit dem zufrieden sind, was sie haben. In den Jahren, als Gorbatschow mit seiner Revolution beschäftigt war, habe ich viele Tätigkeiten ausgeübt. Ausgebildet bin ich als Tiefbauingenieurin, spezialisiert in Brücken- und Tunnelbau. Ich habe in einem Forschungsinstitut für Bauwesen gearbeitet, war Finanzdirektorin einer Baufirma, habe eine Kunstgalerie gemanagt, war im Wissenschaftsministerium beschäftigt und habe als Kellnerin in einem Moskauer Club gearbeitet. Aber ich habe nie einen Job gemacht, der mir keinen Spaß bereitet hat.

Seit einiger Zeit lasse ich mich bei einem syrischen Lehrer im Bauchtanz ausbilden. Dabei finde ich Erfüllung als Frau, da fühle ich mich weiblich und schön. Dass sowohl das asiatische Shiatsu als auch der orientalische Bauchtanz auf die Mitte des Körpers fokussiert sind, ist kein Zufall. Dort entspringt nun einmal all unsere Energie.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer