Immer wenn in internationalen Medien die Rede ist von dem mehr als schlampigen Verhältnis, das Österreichs mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit pflegt, was ja regelmäßig der Fall ist, schütteln die Bedenkenträger der Republik entgeistert den Kopf. "Wir sind doch kein Naziland", stöhnen sie, "was soll der Unsinn?" Die Welt, sie scheint dem Land der Unschuldslämmer nur mit bösem Willen gegenübertreten zu wollen. Österreich steht seit Jahrzehnten unter einem Generalverdacht. Und den klügsten Köpfen der Nation will nicht einleuchten, warum das so ist.

Wenn es demnächst wieder so weit sein sollte, mögen sich die Verständnislosen eine Aufzeichnung der Nationalratssitzung vom Dienstag dieser Woche zu Gemüte führen. Sie zeigt, wie in einer europäischen Demokratie zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Gesetzgebungsperiode mit einer heftigen Debatte eingeleitet wird, in deren Zentrum ein Mandatar steht, der sich zu seiner Mitgliedschaft in einem Verein, der schlagenden Burschenschaft Olympia, bekennt, der vom Innenministerium als "Kaderschmiede rechtsextremer Gesinnung" klassifiziert wurde. Die Eröffnungssitzung gipfelte in der Wahl dieses Abgeordneten namens Martin Graf zu einem der drei Präsidenten des Hohen Hauses, einem Amt von großer Symbolkraft und protokollarischer Bedeutung, durch das sein Inhaber zu einem Repräsentanten des Staates avanciert. Ein Mann, der sich rühmt, untadeliger Demokrat zu sein, und sich dennoch wohlfühlt in der Gesellschaft von Leuten, bei denen viel von einem "volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff", von "Überfremdung" und dem "natürlichen Abwehrwillen der Bevölkerung" die Rede ist. Ein Mann, dessen Lebensbund-Freunde in der Burschenschaft, von der er sich nicht distanzieren will, mit großer Beharrlichkeit Auschwitz-Lügner, Neonazi-Barden und völkische Poeten zu Gastvorträgen in ihr Vereinsheim einladen.

Tja, wie kommt die Welt wohl zu ihren krausen Ideen? Es zieht sich leider Gottes ein brauner Faden durch das öffentliche Leben in Nachkriegsösterreich. Und es finden sich nie genügend beherzte Politiker, die einmal willens sind, einen eindeutigen Trennstrich unter diese unselige Praxis zu ziehen. Stattdessen berufen sie sich auf eine parlamentarische Usance, also einen guten Brauch, der für einen wie Martin Graf ein ehrenvolles Amt vorsehe. Deshalb wird außerhalb der Landesgrenzen für Österreich auch weiterhin die Unschuldsvermutung nicht gelten.

Mag sein, dass in gewissen Kreisen rechtsextremes Gedankengut unausrottbar ist. Aber niemand ist gezwungen, sich permanent damit zu arrangieren und sich anschließend die eigene Feigheit schönzureden. Dadurch entsteht Mitschuld an dem ganzen Elend.