Wenn Erhard Busek und Bernhard Görg einmal einer Meinung sind, dann muss die Lage der Nation tatsächlich ernst sein. Die beiden ehemaligen ÖVP-Politiker stimmten jüngst in dem Befund überein, eine Koalition ihrer Partei mit der SPÖ wäre zwar "gut für Österreich", allerdings "schlecht für die Volkspartei".

Das politische Wohlergehen der ÖVP ist gewiss die geringste Sorge von Bundespräsident Heinz Fischer. Er wünscht sich "eine stabile Regierung". Damit meint er trotz des überwältigenden Misserfolgs und der Instabilität der letzten rot-schwarzen Regierung auch jetzt wieder die Fortsetzung einer von Sozialdemokraten geführten Koalition mit der ÖVP. Auch wenn dieses Regierungsbündnis nur über eine viel geringere Mehrheit verfügt als bisher.

Das Wahlergebnis vom 28. September mag zwar dem rot-schwarzen Bündnis eine herbe Schlappe bereitet haben (minus 14,3 Prozent), doch nicht nur das Staatsoberhaupt steht weiterhin felsenfest hinter dieser traditionsreichen Regierungsvariante – da können rebellische Kommentatoren Gift und Galle spucken, so viel sie wollen. Fischer weiß sich einer Meinung mit einem einflussreichen Machtkartell. Die Paten von Rot-Schwarz sitzen an den Schaltstellen von Politik und Wirtschaft. Und sie sind geübt darin, hinter den Kulissen die Fäden zu ziehen.

Als Fischer vor zwei Jahren die damals noch Große, weil mit Verfassungsmehrheit ausgestattete, Koalition erzwang, konnte er noch damit rechnen, zu seiner Wiederwahl 2010 vielleicht ohne ÖVP-Gegenkandidaten antreten zu können. Kenner des Bundespräsidenten erzählen allerdings, dass dies nicht sein Hauptmotiv gewesen sei, Alfred Gusenbauer die Bildung einer Minderheitsregierung zu verwehren. "Der Heinz wollte einfach Ruhe haben", will hingegen ein prominenter SP-Politiker wissen.

Vor allem ist der Bundespräsident aber von Alter und Werdegang her dem Nachkriegssystem verhaftet. Außerdem glaubt er unerschütterlich an die Kraft der Vernunft. Diesen Glauben teilt Erwin Pröll, der schwarze Landeshauptmann von Niederösterreich, möglicherweise nicht, wohl aber Fischers Wunsch nach einer Zusammenarbeit der einstigen Großparteien. Wenn auch aus ganz anderen Motiven. Zum einen hatte Pröll nie Sympathien für die gemeinsame Sache seiner Partei mit den Freiheitlichen. Jetzt kommt noch die Komponente Verwandtschaft hinzu. Nachdem sein Neffe Josef die Führung der ÖVP übernommen hat, kann der Patriarch seinen stärksten Charakterzug ausleben. Seit Langem scheint er davon überzeugt zu sein, eigentlich wisse er allein, "wie’s geht" – und mit jedem neuen Wahlerfolg in seinem Reich fühlt er sich darin bestätigt.

Die ÖVP sieht sich als gestalterische Kraft – schon aus Eigeninteresse

Die ÖVP sei eine gestalterische Kraft und daher für die Opposition wenig geeignet, so lautet das Credo der Befürworter von Rot-Schwarz. Tatsächlich nahm die ÖVP nach keiner Wahl freiwillig die Oppositionsrolle auf sich. Das hatte immer auch stark, wenn nicht überhaupt ausschließlich mit den Eigeninteressen der ÖVP in den Ländern zu tun. Eine Regierungsbeteiligung auf Bundesebene stärkte die Durchsetzung von Länderwünschen.