Als der Buchhalter Michael Higgins aus dem amerikanischen Mittelwesten nach Wien kam, verlangte die neue Umgebung große Umstellungen von ihm. Wie viele andere ist er dem Charme der Architektur, der Landschaft und dem Lebensrhythmus verfallen. Was ihm vor allem Probleme bereitet, sind seine Landsleute. »Ihre politischen Ansichten sind wirklich gewöhnungsbedürftig«, gesteht er.

Tatsächlich unterscheiden sich Amerikaner, die im Ausland leben, sehr von jenen in der Heimat – sie sind weltoffen, vielsprachig und weitaus liberaler. Und der US-Außenpolitik stehen sie ausdrücklich kritisch gegenüber. Am Vorabend der US-Präsidentschaftswahlen, die immer wahrscheinlicher Barack Obama gewinnen wird, hoffen sie, entgegen aller Hoffnung, auf einen neuen Kurs ihres Landes, der ihr Leben entscheidend beeinflussen könnte.

»Der Status quo ist unerträglich«, sagt ein Geschäftsmann, der anonym bleiben möchte. »Die Europäer haben ihren Respekt vor uns verloren. Das kann ich verstehen, und ich leide täglich darunter.« Diese Frustration ist weit verbreitet.

»Ich habe es so satt, mich zu schämen, weil ich Amerikanerin bin«, sagt die Englischlehrerin Stefanie Winkelbauer verbittert. Doch zum ersten Mal seit Langem glaubt sie, dass sich die Dinge ändern könnten. Die Anzeichen dafür werden von Tag zu Tag stärker. Eine Woche vor der Wahl meldete Pew Research, dass Obama in den Umfragen mit 53 Prozent um 14 Prozentpunkte vor seinem Konkurrenten John McCain liege. Die meisten Wähler haben genug von McCains persönlichen Attacken und sind enttäuscht von der »ignoranten Haltung seiner Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah »Barracuda« Palin. Zudem glaubt ein Drittel der Wähler, McCain sei zu alt für das Präsidentenamt.

Dennoch, mit der Hoffnung zu leben kann nervtötend sein. Nach jahrelangen Versuchen, das Unerklärliche zu erklären – nämlich wie konnte das amerikanische Volk George W. Bush 2000 ins Weiße Haus wählen und es 2004 fatalerweise wieder tun –, scheint die neue Perspektive nun zu schön, um wahr zu sein. Man hört es an dem nervösen Lachen der Leute. Sie wagen einfach nicht, den Indikatoren zu vertrauen. »Etwas wird passieren, ich weiß es«, beharrt der Leiter einer Stiftung. »Was auch immer es ist, sie werden es finden. Und wenn nicht, werden sie etwas erfinden.«

Voll Hoffnung und Angst, versammelten sich Scharen von »Expats«, wie man die Auslandsamerikaner nennt, um die drei TV-Debatten der Kandidaten zu verfolgen, die jeweils am Abend, nachdem sie stattgefunden hatten, im Pickwicks Café in der Marc-Aurel-Straße auf einem riesigen Monitor liefen. Das Pub war vollgestopft mit Hunderten Leuten, die pfiffen und johlten, als handle es sich bei dem Geschehen um ein Fußballspiel.

Diskussionsveranstaltungen gehören zu US-Wahlkämpfen – pointierte Meinungen auf beiden Seiten sollen die Standpunkte klar umreißen. Darum sollte es in der Politik gehen. Das dachte sich auch das Büro für Öffentlichkeitsarbeit der Wiener US-Botschaft und wollte gemeinsam mit den Democrats Abroad und der Webster University Vienna öffentliche Debatten veranstalten. Das einzige Problem war, sie konnten keine Republikaner finden. »Eigentlich gibt es nicht viele«, sagt Katie Solon von den Democrats Abroad Austria (DAA), »zumindest sind sie nicht organisiert.« Die DAA hingegen haben rund 800 Mitglieder – eine Zahl, die sich seit Jänner verdreifacht hat. Bei den Republicans Abroad Austria gibt es weder eine formale Mitgliedschaft noch regelmäßige Veranstaltungen. Schließlich wurde die Botschaft erst in Budapest fündig, von wo Patrick Egan von den Republicans Abroad Hungary für die Debatten anreiste. »Ich habe erst kürzlich einen Republikaner, der in Europa lebt, kennengelernt«, sagt Redakteurin Cara Michelle Morris, die seit vielen Jahren in Wien wohnt: »Expats sind fast immer Demokraten.«