Das ist die zweite amerikanische Revolution. Noch vor fünfzig Jahren musste in Arkansas die 101. Luftlandedivision schwarze Kinder auf dem Weg in die Schule beschützen, vor vierzig Jahren hetzte ein weißer Polizeichef in Alabama seine Hunde auf Anti-Apartheid-Demonstranten. Und heute heißt der 44. Präsident Barack Obama.

"Es ist das Abenteuer Obama, das Amerika so märchenhaft macht", schwärmt in Frankreich Rama Yade, die schwarze Staatssekretärin. In der Tat – werden doch noch Jahrzehnte vergehen, bevor eine afrikanische Einwanderin ins Élysée einzieht oder ein Nachfahr türkischer Gastarbeiter ins Kanzleramt. Für Amerika aber war dieser 4. November ein zweiter Fourth of July.

Barack Obamas Wahl ist das Schlusskapitel einer bitteren Geschichte, die der große Alexis de Tocqueville, noch immer der beste Interpret des Landes, 1855 in diese Worte kleidete: "Es schmerzt mich, dass das freieste Volk der Welt noch als einziges unter den zivilisierten und christlichen Ländern die Sklaverei beibehält." Und: "Als aufrichtigen Freund Amerikas grämt es mich zu sehen, wie die Sklaverei seinen Fortschritt bremst und seinen Ruhm befleckt."

In seinem Meisterwerk Demokratie in Amerika hatte Tocqueville vor der "großen Revolution" gewarnt, die sich allein an der Rassenfrage entzünden würde. Am Dienstag hätte er sich freudig korrigiert. Nicht Waffen, sondern Wahlen haben Amerika eine Sternstunde beschert. Das Land hat sich in der Kür eines schwarzen Präsidenten mit sich selbst versöhnt – friedlich, gelassen, geradezu selbstverständlich.

Und mit dem Rest der Welt? Die, zumal Europa, erwartet viel von Obama, mehr, als man in der realen Politik von einem realen Menschen erwarten darf. Von dieser geradezu messianischen Hoffnung kündet eine weitere Revolution: Da ist ein Amerikaner Kandidat der ganzen Welt geworden. Sieben oder acht von zehn Deutschen, Engländern, Chinesen hätten den schwarzen Senator aus Chicago gewählt.

Noch nie haben sich so viele Menschen in so vielen Ländern für den Unterschied zwischen primary und caucus interessiert – oder haben super-delegates gezählt. Diese Leidenschaft, dieses Mitwählen-Wollen kündet kaum vom Niedergang Amerikas, der in jüngster Zeit so häufig beklagt oder gefeiert wurde. Kein Deutscher will in Indien mitwählen, kein Franzose in China. Gewünscht wird Einfluss dort, wo die Macht ist. Auf Amerika setzen wir noch immer unsere größten Hoffnungen.

Aber es war nicht John McCain, der weiße, weißhaarige Kriegsheld, der die Menschen mitgerissen hat, sondern das Faszinosum Obama, das die post-rassische (also verträglichere) Zukunft des Planeten vorzeichnet: halb schwarz, halb weiß, ein Teil Kenia, Indonesien und Hawaii. Die Universal-Nation, hervorgegangen aus hundert Völkern, hatte den universellen Kandidaten geboren. Ein historisches Novum – wie die Unabhängigkeitserklärung von 1776.