Kapstadt - Sechstausend Leute! Unglaublich! Mit einem derartigen Ansturm hatten selbst die kühnsten Optimisten nicht gerechnet. In Zügen und prall gefüllten Bussen waren sie aus allen Provinzen des Landes angereist, die Unzufriedenen, die Enttäuschten und die Ehrgeizigen. Sie wollten dabei sein im Sandton Convention Centre zu Johannesburg, bei dieser historischen Versammlung, die die politische Landschaft Südafrikas verändern wird.

Die meisten von ihnen sind Mitglieder des African National Congress (ANC), der ruhmreichen Partei Nelson Mandelas, die die Apartheid überwand und seit der Wende im Jahre 1994 in Südafrika allein regiert. Doch bald werden sie austreten oder ausgeschlossen, denn sie wollen eine eigene Partei gründen und damit das Machtmonopol des ANC brechen – ihrer Befreiungsbewegung, die sie nicht mehr als solche wiedererkennen. Herrschsüchtig sei sie geworden, volksfern und korrupt, klagen die Dissidenten.

Und noch etwas eint sie: Sie wollen nicht, dass Jacob Zuma der nächste Präsident Südafrikas wird, der Mann, der wegen Vergewaltigung angeklagt war und gegen den ein Korruptionsverfahren anhängig ist, der machthungrige Linkspopulist, der gegen den Staats- und Parteichef Thabo Mbeki erfolgreich geputscht und den ANC in die größte Identitätskrise seiner bald hundertjährigen Geschichte gestürzt hat. Und manche, die wie Mandela und Mbeki zur Volksgruppe der Xhosa gehören, mögen diesen Kandidaten auch nicht, weil er ein Zulu ist.

Doch wie stark sind die Rebellen tatsächlich? Einige Kommentatoren erwecken den Eindruck, als würde der ANC demnächst in der Mitte auseinanderbrechen und in zwei gleich große Teile zerfallen. In Wirklichkeit handelt es sich nur um eine Abspaltung von der immer noch ziemlich mächtigen Mutterpartei mit 620000 Mitgliedern, um eine Gruppe von Renegaten also, die künftig eigene Wege einschlagen wollen.

Aber der Schock bei ihren Exgenossen sitzt tief. Man muss sich deren momentane Gemütslage ungefähr so vorstellen wie in der CSU vor den desaströsen Landtagswahlen im September. Da ist eine selbstherrliche Partei, die sich in einer satten Zweidrittelmehrheit sonnt und für unfehlbar hält. Plötzlich tauchen ein paar Querdenker auf und stellen die Einparteienherrschaft infrage. Und über Nacht werden es immer mehr, prominente Parteikader wie Mbhazima Shilowa, der Expremier der wirtschaftsstärksten Provinz Gauteng, stoßen hinzu, am Ende lösen sie sich wie eine Scholle knirschend vom großen Eisberg.

Die Führungsfigur der Abtrünnigen heißt Mosiuoa Lekota, sie nennen ihn "Terror", weil er auf dem Fußballplatz als Verteidiger Furcht und Schrecken verbreitete. In Johannesburg wurde er gefeiert wie ein Erlöser. "Jesus ist angekommen – unerwartet" stand auf dem Plakat eines besonders verzückten Anhängers.

Der 60-jährige Lekota ist ein verdienter ANC-Veteran. In den Jahren des Widerstands gegen die Apartheid kämpfte er stets an vorderster Front, er saß zehn Jahre im Gefängnis, vier davon auf der Kerkerinsel Robben Island, auf der auch Mandela inhaftiert war. Nach der Wende im Jahre 1994 wurde er Premierminister der Provinz Free State, später diente er als Verteidigungsminister im Kabinett von Präsident Mbeki. Lekota sollte zu den Ersten gehören, die an der moralischen Eignung Jacob Zumas für das höchste Staatsamt zweifelten; zugleich sagte man ihm eigene Ambitionen auf diesen Posten nach.