Manager stöhnen auf. Marktgläubige Volkswirte verzweifeln. Selbst hartgesottene Investmentbanker klagen: Irrational sei, was an den Märkten geschehe. Soll heißen: kaum durch Zahlen und Fakten zu erklären. Das ist ein Problem für jene, die in ihrer Arbeit mit Zahlen und Fakten hantieren.

Der Markt – eine Chimäre? Preise – willkürlich gewählte Ziffern? Der Gedanke liegt nahe. Zum Beispiel, wenn man den Kurs der VW-Aktie betrachtet: Der schnellte auf 1000 Euro hoch, für kurze Zeit wurde der Autobauer zum wertvollsten Konzern der Welt. Der Preis für eine Aktie der Commerzbank steigt und fällt fast täglich. Oh, der Bank gehört ein Immobilien- und Staatsfinanzierer? Ab nach unten. Oh, es gibt Geld vom Staat? Hinauf! Der Yen gewinnt rasant an Wert, nachdem er lange stark unter Druck stand. Japans Wirtschaft erklärt die Trendwende kaum.

Und das sind nur ein paar der aktuellen Verrücktheiten. Der Industrieriese Daimler ist an der Börse nur noch 26 Milliarden Euro wert, der Preis für Öl dümpelt bei 65 Dollar je Barrel, obwohl er jüngst noch mehr als doppelt so hoch lag. Wer kann solche Schwankungen noch nachvollziehen?

Preisausschläge sind nun mal häufig übertrieben

Diese Frage setzt voraus, dass Güter (also Aktien, Unternehmen, Währungen) einen "wahren Wert" haben, den die Preise gefälligst widerspiegeln sollen. Eine naheliegende Idee, denn ein Konzern hat viele Milliarden Euro in der Kasse, ein anderer ist Herr über Immobilien, Maschinen und Firmenbeteiligungen. Zumindest diesen Werten sollte die Bewertung durch die Finanzwelt entsprechen. Bei Volkswirtschaften spricht man gern von "Fundamentaldaten", einem Sammelsurium an Kennziffern, die Aufschluss über die Stärke eines Landes und seiner Währung geben sollen.

Eine solche Sicht ist so verständlich wie problematisch. Wie vage und subjektiv die Frage nach dem Wert eines Konzerns schon in ruhigen Zeiten beantwortet wird, zeigt die Value-Strategie: Unternehmen auswählen, die man für unterbewertet hält, einsteigen, geduldig warten, bis auch der Markt den "wahren Wert" erkennt, aussteigen – so hat Finanzguru Warren Buffett viele Milliarden Dollar verdient. Offenbar kann das Urteil über den "wahren Wert" unterschiedlich ausfallen, obwohl im Prinzip alle über dasselbe Handwerkszeug verfügen.

Es geht damit weiter, dass Preise an den Finanzmärkten sich grundsätzlich nicht auf Basis des Status quo oder vergangener Gewinne ergeben, sondern auf Basis von Erwartungen an die Zukunft: Wird ein Unternehmen mehr Profit machen? Wird die Nachfrage nach Öl steigen? Spekulanten mögen kaufen, obwohl sie kein Interesse an der Firma oder am Öl hegen, das aber ändert nichts daran, dass sie aufgrund ihrer Erwartungen über die Marktentwicklung einsteigen. Schwierig wird es, wenn die Erwartungen sich selbst nähren, wenn also der Einstieg einiger zu steigenden Kursen und damit zum Einstieg anderer Anleger führt – just dieser sich selbst verstärkende Mechanismus ließ die Preise am US-Immobilienmarkt in surreale Höhen steigen.