Das Atelier von Monika Grzymala liegt in einem kleinen Hinterhofhaus in St. Pauli in Hamburg. Eine steile Treppe führt hinauf, dann steht man in einem Raum von ungefähr 20 Quadratmetern. Nicht gerade viel Spielraum für eine Künstlerin, die ihre Zeichnungen über Wände und durch Räume wachsen lässt. Einen Arbeitstisch gibt es hier, an der Wand ist ein großes Probeblatt einer neuen Arbeit angepinnt, in der Ecke lehnt eine Transportrolle mit einer Raumzeichnung, die Monika Grzymala Anfang des Jahres in der Galerie Catriona Jeffries in Vancouver gemacht hat, von der Zimmerdecke hängt ein Knäuel schwarzer Papierklebebänder herab, Erinnerungsreste einer Arbeit in der New Yorker Galerie Marian Goodman im Jahr 2006. Ansonsten liegen herum: Stifte, Hefte, Dokumentationsbücher, Papierproben. Und, weggepackt in Kartons, Rollen mit farbigen Klebebändern, kilometerweise, Material für die Arbeit, die andere Künstler mit dem Pinsel oder der Spritzpistole machen.

Man schaut sich um und sieht wenig. Und sieht ein, dass das Atelier von Monika Grzymala einerseits in ihrem Kopf lokalisiert ist – andererseits aber auch an den Orten, an denen sie Wand- und Bodenzeichnungen ausführt. Arbeit, die, wie sie sagt, in dem Moment beginnt, in dem sie einen Raum betritt. Das Wort site-specific, oft missbraucht für irgendein Gebilde, das auf irgendeinem Grünflecken abgeworfen wird, ist hier bei sich selbst angekommen. Denn diese Arbeiten entstehen an einem und für einen Ort, sie können von dort auch nicht an einen anderen Ort verpflanzt oder verkauft werden. Obwohl die Begleiterscheinungen völlig anders sind, erinnert diese temporäre Raum- und Platzergreifung an Christos Installationen in der Landschaft.

Angefangen hat Monika Grzymala am anderen, kompakten Pol der Kunst. "Ich wollte Bildhauerin werden", sagt sie, als wir uns in ihrem Atelier bald zu einer Tasse Tee hinsetzen, "ich war glücklich, nach dem Abitur an der Meisterschule für Handwerk in Kaiserslautern angenommen zu werden." Zur Ausbildung als Steinbildhauerin gehörten Baustellenarbeit und Steinesprengen ebenso wie Aktzeichnen und Kunstgeschichte, am Ende hat sie die Gesellenprüfung abgelegt.

Ein Gespräch mit Bogomir Ecker, der an der Hamburger Hochschule für bildende Künste lehrte, brachte dann die Wende. Warum, so hatte er sie angesichts ihrer figürlichen Arbeiten gefragt, setze sie Skulpturen in den Raum, wenn sie in Wirklichkeit doch das interessiere, was dazwischen passiert. Sie vernichtete ihre frühen Arbeiten, besuchte die Klasse von Ecker, zeichnete, auch mit Aquarellfarben, und allmählich ließ die Linie, die zuvor den Körper umrissen, eingefangen hatte, die Form hinter sich, wuchs von einem Blatt zum nächsten, an die Wand, in den Raum.

Das klingt irgendwie verträumt, aber Monika Grzymala, eher von zierlicher Gestalt, ist eine ebenso tatkräftige wie reflektierte Künstlerin, die ihre Arbeit gut organisiert. Das muss man wohl auch, wenn man mit einem Koffer voller farbiger Klebebänder nach Vancouver fliegt, um dort in zwei Räumen von 300 Quadratmetern ein Feuerwerk der Farben zur Explosion zu bringen.

Gerade ist sie mit einem Auftrag der New Yorker Sammlerin Diane Woodner beschäftigt. Für den Salon in deren neuer Wohnung soll Grzymala eine Wandzeichnung entwerfen. Mit dieser Arbeit, acht Blätter im Format zwei Meter auf drei Meter, die im nächsten Jahr installiert werden soll, hat Monika Grzymala die Spielregeln des Mediums neu formuliert. Ihre Zeichnungen sind aus dem Material der Zeichnung entstanden. Das Papier, der klassische Bildträger für Tusche oder Blei, ist selbst die Zeichnung, die im Prozess des Papierschöpfens entsteht. Zusammen mit Gangolf Ulbricht, der in seiner Berliner Werkstatt im Künstlerhaus Bethanien der stillen und anstrengenden Arbeit des Papierschöpfens nachgeht, hat Monika Grzymala von einem horizontalen Liniengewebe durchzogene Blätter hergestellt. Das waren Wochen konzentrierter und physisch anstrengender Experimente. Am sechs Quadratmeter großen Becken mussten die Eimer mit der Pulpe aus Maulbeerfasern vorsichtig ausgegossen, die Siebe hineingelegt und wieder herausgehoben werden. Darüber, wie das Relief der Linien in die Blätter kam, möchte die Künstlerin nicht gern Auskunft geben. Werksgeheimnis. Fünf dieser frei hängenden Blätter waren kürzlich in den Räumen der Hamburger Griffelkunst-Vereinigung zu sehen, mehr passten nicht an die Wände, aber auch so konnte man die verspielte Sequenz der Linien verfolgen, die nicht nur das zart schimmernde Papier, sondern auch die Wand in leichte Bewegung versetzen.

Monika Grzymala hat, auch das ist ein Teil der professionellen Disziplin, ihre Arbeiten mit Fotos, Daten, Texten genau und übersichtlich dokumentiert. Das muss so sein angesichts des ephemeren Charakters ihrer großen Raum- und Bodenzeichnungen, ihrer ständigen Bewegung bei und in der Arbeit, die immer an anderen Orten stattfindet. Eine Edition von sechs Lithos mit Prägedruck, die sie für die Griffelkunst im vergangenen Jahr gemacht hat, heißt next. Ein Buch hat sie fast forward genannt. Diese Titel sind zugleich Programm und Wegmarken einer Geschichte, die man auch Karriere nennen kann. Die Installation der Zeichnungen bei Diane Woodner in New York wird in dieser Geschichte ein Höhepunkt ganz eigener Art sein. Petra Kipphoff