Wo war zuletzt das Amerika, das wir von klein auf kennen, das wir hochschätzen, das wir, ja, lieben? Es hatte sich zurückgezogen, dahin, wo keine rechte Politik und kein evangelikaler Eifer ihm etwas anhaben konnten – in die dunklen Kinosäle, zwischen die Deckel von Büchern und in die Musik. Philip Roth, Batman und Bob Dylan erinnerten uns daran, was wir meinten, wenn wir Amerika sagen. Aber, bei allem Respekt, die drei Herren sind so alt geworden wie unsere Zuneigung und Hochschätzung mürbe.

Dabei liegt der Moment größter Nähe, der Tag, als wir alle Amerikaner waren, nur sieben Jahre zurück. Am 11. September 2001 waren die Deutschen wie alle Europäer bereit, sogar mit diesem seltsamen George W. Bush in einen Krieg zu ziehen. Für die Amerikaner, für uns und, so konnte man damals hoffen, auch für die Afghanen.

Das alles wurde binnen zweier Jahre verspielt. Vor allem mit einem falschen Krieg, herbeigeführt mit gefälschten Beweisen. Doch ging die Entfremdung von den USA tiefer, sie trägt Namen, die sich uns eingebrannt haben – Guantánamo, Abu Ghraib, Kyoto, schließlich: Wall Street.

Nicht alle Enttäuschungen waren so spektakulär wie Krieg, Folter und berstender Klima-Egoismus. Vielmehr kamen in diesen Jahren Zweifel auf, ob die USA geistig noch bei sich sind. Und bei uns. Angriffe gegen die Evolutionstheorie, Missbrauch des Glaubens für politische Ziele, all das schien dauerhaft mehrheitsfähig zu sein.

Bis zum vergangenen Dienstag. Um fünf Uhr morgens europäischer Zeit zeigte sich das andere Gesicht Amerikas. Und wie! Verborgen unter den Umfragen lag nicht etwa ein uneingestandener Rassismus, sondern ein bis vor Kurzem für unmöglich gehaltener Wille zur Erneuerung und zur Versöhnung. Das Ergebnis der Wahl, aber auch wie Sieger und Verlierer damit umgingen, das weckte etwas, das die meisten hier in der Alten Welt allzu lange nicht gespürt haben: Bewunderung.

Natürlich, wir dürfen uns nichts vormachen: Der wirtschaftliche und militärische Machtverlust der USA ist nicht aufzuhalten, und er relativiert die Macht des ganzen Westens. Doch die moralische Würde Amerikas vermag Barack Obama wiederherzustellen. Er wird die Welt nicht führen können, zum mächtigsten Moderator jedoch kann er werden und zum wichtigsten Anwalt der Freiheit. Er muss es auch, denn die neuen Mächte in Asien haben mehr Macht als Ideen. Die Welt braucht Amerika.

Freiheit. Seit Dienstag hat das Wort keinen metallischen Klang mehr. Willkommen daheim, Amerika! Bernd Ulrich