Es sollte ein Signal für die Fahrt in die Zukunft werden. Als EU-Umweltkommissar Stavros Dimas im vergangenen Jahr vom S-Klasse-Mercedes auf den klimaschonenden Toyota Prius umstieg, war das alles andere als ein Kompliment für die europäische Autoindustrie. Der Wechsel seines Dienstfahrzeugs war für den Griechen allerdings nur der Anfang. Tatsächlich fordert er klimaverträgliche Neuwagen für alle – und hat sich damit zu einer Hauptfigur in einem fast beispiellosen Drama gemacht: Dem Kampf der Klimaschützer gegen Europas Autolobby.

Dimas und seine Mitstreiter, darunter die deutsche Europaabgeordnete Rebecca Harms, kämpfen auf ziemlich verlorenem Posten. Denn ihr Gegner ist so mächtig wie kaum eine andere Industrie. Die Autobranche ernährt in der EU mehr als zwölf Millionen Familien. Ihr Jahresumsatz beträgt 500 Milliarden Euro. Und sie baut jährlich 20 Millionen Autos. Die größten, mit denen auch das meiste Geld verdient wird, stammen zu 80 Prozent aus Deutschland. Die Autoindustrie, viele Zahlen belegen das, ist das Herz der europäischen Wirtschaft.

Die Zahlen von Dimas scheinen dagegen höchstens den Blutdruck von Automanagern zu beeinflussen. Dimas will die Erde retten. Deshalb fordert er, den Spritverbrauch im Flottendurchschnitt von 2012 an auf rund 5,5 Liter pro 100 Kilometer zu begrenzen; das entspricht 130 Gramm Kohlendioxid (CO₂) pro Kilometer. Jedes Gramm mehr soll die Hersteller bis zu 95 Euro Strafe kosten.

95 Euro, 130 Gramm – Dimas’ Zahlen haben auch bei Günter Verheugen den Puls steigen lassen. Der für die Industrie zuständige Deutsche sieht Europas größten Arbeitgeber bedroht. Zuletzt forderte er sogar, der von einer Absatzkrise getroffenen Industrie mit zinsverbilligten Krediten in Höhe von bis zu 40 Milliarden Euro beizuspringen.

Derweil attackiert die Lobby Dimas’ 130-Gramm-Plan. Bis Weihnachten sollen die Regierungen und das Europäische Parlament sich nun einigen. Ein Ergebnis steht schon fest: Keine Regierung will der Gegenspieler der Konzerne sein.

Dabei drängte sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel, Mitte der 1990er Jahre Bundesumweltministerin, damals die Autobauer zu umweltverträglicheren Produkten. Sie unterstützte das Abkommen der EU mit dem europäischen Automobilverband ACEA, in dem sich die Hersteller verpflichteten, den europäischen Flottenverbrauch bis 2008 auf 140 Gramm im Durchschnitt aller Marken zu senken. Als sich abzeichnete, dass die Industrie ihr Versprechen nicht erfüllen würde, zeigte Merkel allerdings viel Verständnis. Sie war inzwischen Kanzlerin geworden.

Die Autos waren zwar sparsamer geworden, aber zugleich war die Zahl der größeren und schwereren Modelle gestiegen. Deshalb emittieren sie im Durchschnitt mehr als 160 Gramm CO₂. Verglichen mit 2006 müsste Porsche den Verbrauch seiner Neufahrzeuge nahezu halbieren, um das Ziel von 130 Gramm zu erreichen. Massenhersteller wie VW müssten immerhin ein Fünftel an Emissionen einsparen. Müssten, wenn sie nicht geschützt würden, auch von Angela Merkel.