Der neue Präsident Amerikas wird sich mit einem Problem herumschlagen müssen, das seit 1979 alle Präsidenten beschäftigt: Iran. Dieses Land hatte sich in jenem Jahr durch eine Revolution der Kontrolle der USA entzogen. Seither haben die Amerikaner viel unternommen, um die Islamische Republik Iran wieder in ihren Einflussbereich zurückzuführen. Alle Pläne liefen auf einen regime change hinaus, was nichts anderes heißt als eine Abschaffung der Islamischen Republik. Doch gefruchtet haben sie nicht. Im Gegenteil, die Kriege in Irak und Afghanistan haben Iran nur gestärkt. Heute ist die Islamische Republik mächtiger denn je, und in Washington herrscht große Ratlosigkeit. Was tun? Darauf hat keiner eine schlüssige Antwort.

Der Grund dafür ist, dass die USA ein völlig falsches Bild des Landes haben. Das jedenfalls behauptet Robert Baer in seinem neuen Buch The devil we know. Die USA, so Baer, sind nie von dem Bild losgekommen, das sich ihnen bei der Botschaftsbesetzung im Jahr 1979 eingeprägt hat. Die Tatsache, dass iranische Heißsporne Amerikaner auf dem Botschaftsgelände in Teheran als Geiseln genommen haben, nährt bis heute den Glauben, dass in Iran ein paar verrückte, unberechenbare Fanatiker an der Macht seien.

Nichts ist falscher als das, schreibt der ehemalige CIA-Agent, der zu den besten Kennern des Nahen und Mittleren Ostens gehört. "Iran ist kein totalitärer Staat, der von ›Islamofaschisten‹ beherrscht wird (…). Präsident Ahmadineschad hat nicht die Absicht, einen Dritten Weltkrieg zu beginnen.(…) Irans Führer sind rational, pragmatisch und berechnend." Das sind wohltuende Sätze, die zu einer dringend nötigen Versachlichung der Debatte beitragen.

Baer war während des libanesischen Bürgerkrieges als CIA-Agent in Beirut stationiert. Dort hat er aus erster Hand miterlebt, wie geschickt die Revolutionären Garden ihren Einfluss ausgeweitet haben. Heute verfügt Iran nach Einschätzung Baers im Libanon mit der Hisbollah über ein mächtiges Instrument zur Durchsetzung seiner Interessen. Es lässt sich darüber streiten, ob der Einfluss Irans auf die Hisbollah wirklich so groß ist, wie Baer annimmt, unbestritten aber ist die erstaunliche Fähigkeit des Landes, Chancen, die sich ihm unverhofft bieten, konsequent zu nutzen. Als die USA Afghanistan und Irak angriffen, zögerte Iran nicht, das sich auftuende Vakuum zu nutzen: Heute ist Iran eine regionale Ordnungsmacht, weder Irak noch Afghanistan sind gegen seinen Willen zu befrieden.

Baer geht noch weiter. Er glaubt, dass Iran wieder zu dem Imperium werden will, das es einmal war. Er beschreibt das Land als eine Supermacht. Seiner Meinung nach ist Iran heute schon so stark, dass es die Atombombe gar nicht braucht. Damit geht er wohl zu weit, denn er unterschlägt die politischen und gesellschaftlichen Schwächen Irans.

Und doch gibt es zwei bemerkenswerte Begriffe, mit denen Baer das Land als selbst- und geschichtsbewusste Macht charakterisiert: Iran ist ein Hegemon, der Gerechtigkeit sucht. Und: Iran ist interlocuteur valable, ein vollwertiger Gesprächspartner. Nimmt man beides zusammen, könnte man zu dem Schluss kommen, dass Iran in der Region für die USA der ideale Partner wäre, mehr noch als Saudi-Arabien, Irak oder etwa Pakistan – Länder, die Baer für nicht mehr als auseinanderfallende Kunstprodukte hält.

Der Autor schlussfolgert deshalb, dass die USA sich möglichst bald mit Iran verständigen sollten. Amerika müsse "seine Niederlage" am Golf eingestehen und sich an Teheran wenden. Nur so könnten sie verhindern, dass sie im Treibsand des Nahen Ostens versinken. Es ist Baers Verdienst, dass er diese unangenehme Botschaft überbringt. Ob sie der neue Bewohner des Weißen Hauses auch verstehen will, ist allerdings fraglich.