Der Griff in die Floskelkiste war tief. Die Landesstiftung Baden-Württemberg, schwärmte Günther Oettinger (CDU) tapfer schwammig, bleibe "ein Schrittmacher bei der gesellschaftlichen Entwicklung", natürlich ganz im Sinne der "guten Chancen der nachfolgenden Generationen". Die Zahlen, die er wenige Tage nach der Lehman-Pleite der Öffentlichkeit vorstellte, sprachen indes eine andere Sprache: 25 Millionen Euro soll die landeseigene Stiftung 2009 für Bildung, Forschung und Kultur ausgeben, 50 Prozent weniger als im Vorjahr. Ein gewaltiger Einbruch. Umso mehr beeilte sich Ministerpräsident Oettinger, der qua Amt den Aufsichtsrat der landeseigenen Stiftung leitet, in einem weiteren Anfall von Zweckoptimismus hinterherzuschieben: Wenn es gut laufe, könnten es natürlich auch noch ein paar Millionen mehr werden.

Wahrscheinlicher ist, dass sich in den kommenden Monaten die Aufsichtsratsvorsitzenden etlicher Stiftungen überall im Land in einer ähnlich misslichen Lage wiederfinden werden wie Günther Oettinger. Sie müssen eine Entwicklung erklären, die sie in ihrem Ausmaß und ihrer Rasanz selbst kaum verstehen. Die Finanzkrise hat nicht nur Banken, Unternehmen und Privatleuten existenzbedrohende Verluste beschert, der Absturz hat auch Milliarden und Abermilliarden gemeinnützigen Kapitals vernichtet. Was allein noch nicht so schlimm wäre, denn Aktien können sich erholen. Dramatischer ist, dass sich die Kapitalerträge, über die sich die Stiftungen zu einem guten Teil finanzieren (siehe Kasten), ebenfalls im freien Fall befinden. Mit weitreichenden Folgen: Um ihr langfristiges Überleben zu sichern, haben einzelne Förderorganisationen ihre Aktivitäten bereits radikal zurückgefahren. Milliarden an Projektmitteln stehen fast von einem Tag auf den anderen zur Disposition. "Die Krise ist für das deutsche Stiftungswesen schon jetzt ernster, als es der Zusammenbruch der New Economy gewesen ist", sagt Peter Anders vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der die Vermögen Hunderter kleinerer Stiftungen verwaltet. Besonders betroffen ist offenbar der Bildungs- und Forschungsbereich, der in den vergangenen Jahren stark vom Boom des Stiftungswesens profitiert hat.

Als Horrorbeispiel schlechthin gilt das Schicksal der Stiftung Industrieforschung, die ihr gesamtes Kapital in zehn Millionen Aktien der Deutschen Industriebank (IKB) angelegt hat. Seit der Beinahepleite der Bank ist der Wert ihrer Anteile ins Bodenlose gefallen, die Dividende ist schon 2007 vollständig ausgeblieben. Die Stiftung, die sich auf die Unterstützung praxisnaher Forschung für den Mittelstand spezialisiert hat, kann nur noch die begonnenen Programme zu Ende fördern, darunter Projekte zur weiteren Erforschung des Aids-Virus, zum Einsatz von Laserstrahlen beim Schweißen oder zur Optimierung von Verpackungsmaschinen. Neue Anträge bearbeitet sie seit Monaten nicht mehr, auch ihr äußerst erfolgreiches Stipendiatenprogramm für Jungingenieure lässt sie auslaufen. "Der IKB-Aktienkurs müsste von derzeit rund 1,50 auf 20 Euro steigen, damit wir auch nur in Ansätzen weiter so fördern könnten wie vor der Krise. Anders ausgedrückt: Da ist etwas Luft nach oben", sagt Stiftungsvorstand Wolfgang Lerch in einem Anflug von Galgenhumor.

Die Fördergelder könnten um zehn bis zwanzig Prozent zurückgehen

Zwar rechnet kaum jemand damit, dass es eine weitere Stiftung derart schwer erwischen könnte. Doch das Hauptproblem ist einmal mehr die Angst vor der Angst. "Keiner weiß im Moment, was als Nächstes kommt und wie schlimm die Lage auf den Finanzmärkten noch wird", sagt Wilhelm Krull, Generalsekretär der VolkswagenStiftung. 2008 hat sie rund 115,5 Millionen Euro spendiert und lag damit auf Platz eins im Bildungsbereich wie auch aller deutschen Stiftungen insgesamt. Es ist eine brisante Gemengelage: Eigentlich hätten die meisten Stiftungen das Geld, um ihre Geschäfte die nächsten zwei, drei Jahre im gewohnten Umfang weiterlaufen zu lassen und so den Engpass möglicherweise zu überbrücken. Da sie jedoch nicht wissen, wie lange die Rezession dauern wird, fangen sie gleich zu Beginn der Krise mit dem Sparen an – obwohl ihr Geld gerade dann dringend gebraucht würde.

Genau darum will die VolkswagenStiftung ihre Ausgaben auch kommendes Jahr möglichst stabil halten. "Wir tragen eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, zumal absehbar ist, dass auch der Staat in der Bildung kürzen wird", sagt Wilhelm Krull. Die meisten Stiftungen jedoch, vor allem die kleineren, sind vorsichtiger und treten kräftig auf die Bremse. Experten rechnen bereits jetzt mit einem durchschnittlichen Rückgang der Fördersummen um zehn bis 20 Prozent. Angesichts von rund 17 Milliarden Euro, die allein die Stiftungen bürgerlichen Rechts pro Jahr in gemeinnützige Zwecke investieren, könnte die Krise damit Kürzungen in Milliardenhöhe nach sich ziehen. Wie viel davon Bildung und Forschung betreffen werden, ist noch unklar. Das vorzeitige Ende ganzer Programme dürfte immerhin die Ausnahme bleiben. Anders als in den USA legen deutsche Stiftungen meistens schon mit Beginn der Förderung genug Geld zurück, um sie auf jeden Fall zu Ende führen zu können. Was umgekehrt aber auch heißt: In der Krise ist kaum noch Platz für neue Ideen.

Beispiel Landesstiftung. Ihr wichtigstes Programm heißt "Sag mal was" und hat seit 2003 mehr als 80.000 Vorschulkinder in Hunderten von Kindergärten im Südwesten erreicht. Jedes geförderte Kind erhält mindestens 120 Sprachstunden in einer Kleingruppe, inklusive einer Sprachstandserhebung zu Beginn und des Aufstellens eines individuellen Entwicklungsplans. Jahr für Jahr hat die Landesstiftung mehr Geld für das Projekt aufgewendet, das zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Frühförderung in Baden-Württemberg geworden ist. 2009 werden es acht Millionen Euro sein – ein Drittel des gesamten Haushaltes der gebeutelten Stiftung. "Wir setzen unsere Prioritäten ganz eindeutig", sagt Geschäftsführer Herbert Moser. "Das erfordert natürlich Opfer bei den Neuanträgen. Was da unterm Strich steht, hat leider derzeit keine Chance mehr auf Unterstützung."