Noch ist es ihr Haus. Es ist aus Ziegelsteinen gebaut, das Geländer der weiß gestrichenen Veranda leuchtet in der Herbstsonne. Im winzigen Vorgarten blühen die Rosen. Vor zehn Jahren haben Guadelupe Alanis und ihr Mann das Häuschen im Nordwesten Chicagos gekauft. "Mein Traum wurde wahr", sagt die 50-jährige Amerikanerin, benutzt ohne Zögern den Slogan aus den unzähligen Werbefilmen der Immobilienbranche. Doch auf den Traum folgte die Angst.

Guadelupe hatte, als ihr Mann krank war, umgeschuldet. Sie nahm einen Kredit mit flexiblen Zinsen auf. Der wurde immer teurer, je höher in Washington der Leitzins stieg. Heute verlangt die Bank jeden Monat 2000 Dollar, doppelt so viel wie vor einem Jahr. Das kann die Familie nicht bezahlen. "Die Bank hat uns doch früher geholfen", sagt Guadelupe und blickt auf den blitzblanken Fußboden. "Jetzt kann sie es uns doch nicht einfach wegnehmen."

Doch, das kann sie. Von Woche zu Woche nimmt die Zahl der Zwangsvollstreckungen zu – in Chicago wie im ganzen Land. Der neue Präsident trifft auf ein Volk von Hausbesitzern, dessen Furcht ständig wächst. Das auf Hilfe aus Washington hofft. Und dessen Glaube an den Markt sich dennoch wundersamerweise nicht erschüttern lässt.

Chicago und den Bundesstaat Illinois hat die geplatzte Immobilienblase besonders früh und heftig getroffen. Bislang müssen vor allem die Armen und die Einwanderer, denen die Banken in den Jahren des billigen Geldes viel zu hohe Kredite aufgeschwatzt hatten, ihr Heim räumen. Sie hätten sich bei einer seriösen Finanzierung ihr Haus ohnehin nie leisten können. Inzwischen wächst aber auch die Angst der Mittelschicht vor dem Wertverfall oder gar dem Verlust ihrer Immobilien.

Auch die Schulden auf ihren Kreditkarten können viele Verbraucher nicht mehr zurückzahlen. Die Arbeitslosenrate steigt. Und seit auch noch die Aktienmärkte einbrechen, müssen mehr und mehr Rentner wieder arbeiten gehen. Sie können von ihrer weitgehend privaten Altersvorsorge nicht mehr leben.

Jeden Tag rückt die Krise ein bisschen näher. Livia Villareal kann es auf einem Stadtplan an der Wand ihres Büros sehen. Die Frau leitet in einer Vorstadtsiedlung Chicagos das Büro der Verbraucherorganisation Reach. Zu ihr kommen Nachbarn, die ihre Hypothekenraten nicht mehr zahlen können. Täglich muss Livia ihre Karte um mehrere rote Punkte ergänzen: Jeder markiert ein Haus, das in spätestens einem Jahr vom Gericht geräumt werden wird, wenn nicht plötzlich wieder Geld fließt. So lange dauert es von der ersten, nicht gezahlten Rate bis zur Zwangsräumung. "Ich will nicht, dass das hier alles vor die Hunde geht und die Leute gleich mit", sagt Livia. Doch genau das droht.

Kilometerweit reiht sich in dieser Nachbarschaft ein Einfamilienhaus an das nächste, die neueren sind mit Holz verkleidet, die älteren mit Ziegeln. Überall wächst gepflegter grüner Rasen, nirgends stört ein Zaun. Halloween-Dekoration aus bunten Kürbissen, Hexen und Spinnen dieser Tage soll signalisieren: Hier leben fröhliche, ordentliche Familien der Mittelschicht. Livia wohnt selbst hier, gleich um die Ecke von ihrem Büro, seit 18 Jahren. Die Ökonomin liebt diese Gegend mit ihrer gemischten Bevölkerung aus Weißen, Schwarzen und Latinos.