Was ist sozialer? Sein Volk ärmer werden zu lassen und dafür den nächsten Generationen keine Schulden aufzubürden? Oder heute einen größtmöglichen Wohlstand zu schaffen und zu hoffen, dass die nächste Generation einen Weg finden wird, die Schulden wieder loszuwerden? Es scheint, als habe sich China für Ersteres entschieden. Jedenfalls hat der Staat Devisenreserven im Wert von fast zwei Billionen Dollar angehäuft, während die Landbevölkerung sehr arm geblieben ist.

Schulden zu machen, um mehr Wohlstand zu schaffen, darauf will in der Marktwirtschaft niemand ernsthaft verzichten. Ein Unternehmen nimmt einen Kredit auf, um ein Geschäft aufzubauen. Mit den Gewinnen zahlt es das Geld zurück, und meist ist der Wohlstand größer als vorher.

Demokratisch gewählte Regierungen machen oft Schulden, um die nächsten Wahlen wieder zu gewinnen. Die chinesischen Kommunisten planen den langfristigen Machterhalt und sind deshalb vorsichtiger. Sie sind überzeugt, dass sie langfristig mehr Kontrolle über ihr Land haben, wenn sie sich nicht maßlos im Ausland verschulden und den Schwankungen der internationalen Finanzmärkte aussetzen. Das haben sie aus dem Kollaps der Sowjetunion gelernt und aus Problemen der Tigerstaaten in der Asienkrise Ende der neunziger Jahre.

Über Jahre hinweg hat sich die chinesische Regierung anhören müssen, dass sie zu stark in die Wirtschaft eingreife. Jetzt mag sie es sich nicht verkneifen, auf den blinden Fleck der Amerikaner hinzuweisen. Die gegenwärtige Krise sei ja nicht etwa nur deshalb entstanden, weil die USA dem Laisser-faire des Marktes erlegen wären. Es habe vielmehr einen politischen Auftrag des Staates gegeben, Kredite an Menschen zu geben, die nie in der Lage sein würden, das Geld zurückzuzahlen.

Das war tatsächlich eine der Aufgaben der Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac als regierungsunterstützte Unternehmen, sogenannte Government Sponsored Enterprises. Beide Banken gaben vielfach fragwürdige Kredite aus und spielten so "eine sehr nützliche Rolle, um Häuser bezahlbar zu machen", wie es ein Senator ausdrückte. Nun kommt die Quittung: Nicht nur die Banken sind pleite, auch der amerikanische Staat ist in großer Finanznot. Die USA werden 2009 voraussichtlich ein Haushaltsdefizit von bis zu einer Billion Dollar haben.

Die Chinesen wollen nicht für den Schuldensozialismus der Bush-Regierung zahlen. Vor der Weltfinanzkonferenz präsentieren sie sich als Moralapostel. Aber sie können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie mit schuld an der Krise sind. Sie haben zwar ihre Währung nicht dem freien Handel preisgegeben. Und nicht jeden mit Kapital ins Land gelassen. Insofern haben sie sich von der Weltwirtschaft entkoppelt. Aber sie haben das amerikanische System mit Geld gefüttert und davon profitiert. Sie haben die Amerikaner erst in die Lage versetzt, chinesische Produkte zu kaufen. Der chinesische Aufschwung konnte nicht funktionieren ohne den amerikanischen Konsum auf Pump.

Gleichwohl stehen die Chinesen besser da als der Westen. Die Krise wird sie treffen, aber nicht ins Mark. Premier Wen Jiabao reist als der größte Gläubiger der USA zur Konferenz kommende Woche. Die USA sind die Schuldner, und die Europäer, die sich gern als Modellsanierer sehen, sind in Washington zunächst Schuldner zweiter Ordnung.