Die Bilder sind noch im Kopf. So klar, so viele, als sei die ganze Kindheit mit Erinnerungen ans Auto zugeparkt. Der neue Wagen vor dem Haus, ein wenig größer als der alte. Der Vater mit Eimer und Schwamm. Die Mutter, wie sie sich zaghaft den Zweitwagen aneignet. Urlaubsfahrten, hingenommen wie Schicksal, vorne die Eltern, hinten die Kinder, an Sonnentagen Handtücher am Fenster, an Regentagen Tropfenrennen. Und dann wieder der Vater, nun an der Zapfsäule, im Fachgespräch mit dem Tankwart. Ein Bild voller Autorität.

Wann genau hat Autofahren aufgehört, eine Selbstverständlichkeit zu sein? Dieses Tanken, Fahren und wieder Tanken?

Der Sommer 2008 verliert sich gerade an den Herbst, als diese Reise beginnt. 1550 Kilometer, um dem Mythos Auto nachzufahren, auf dem schon erste Kratzer sind. 1550 Kilometer durchs deutsche Gemüt, von Nord nach Süd durch dieses Erfinderland, dieses Ingenieurland, das sich jahrzehntelang im Glanz seiner Neuwagen gespiegelt hat. Der Spritpreis war hoch und eine erste Gewinnwarnung von Daimler – »wegen zurückgehender Nachfrage«, insbesondere bei Geländewagen in den USA – bereits einige Wochen alt, doch die Nachricht wirkte fern wie ein Gewitter.

Es war ein Freitag und die »Saugehalle« bei Best CarWash in Flensburg voller Männer auf Knien, Männer am Boden, Männer voller Sorgfalt und Hingabe. Ein altes Motiv, das es in die Gegenwart geschafft hatte. Zwei Milliarden Euro spenden die Deutschen jährlich für den guten Zweck; genauso viel geben sie für die Pflege ihrer Autos aus. Ein Mercedes in vollem Chrom-Ornat glitt in die Waschstraße, ein Audi, ein Golf. Die Fahrer stiegen aus und liefen in einem Tunnel neben ihren Wagen her wie durch ein Meerwasseraquarium. Hinter Panoramafenstern ein Spritzen und Schäumen, in den Augen vorweggenommener Glanz. Am Ende teilte sich ein Vorhang, Bühne frei, Ihr Wagen erhielt: Superschaum + Heißkonservierung + Glanzpolitur + Unterbodenkonservierung. Und ein blondes Mädchen wischte letzte Tropfen weg.

Noch eine Stunde nach der Schaumgeburt lief draußen ein Mann mit Namen Jacobsen um seinen Audi, akribisch tupfend wie ein Maler kurz vor der Vollendung seines Werks. Hier ein wenig Chrompolitur auf die vier Ringe, da ein Tropfen Insektenlöser, dort ein Spritzer destilliertes Wasser gegen Kalkränder. Eine Kiste voller Autokosmetika hatte Jacobsen dabei, mit Caramba-Cockpitspray, Nigrin-Reifenpflege, Aluteufel-Spezial. Und einer Zahnbürste – für die Felgen. Zweimal in der Woche sei er hier, sagte er, manche kämen öfter, die hätten dann eine Flatrate. Beim Autowaschen sei die Nacharbeit alles, erklärte Jacobsen, und dass sein Wagen »nie untern Baum kommt«. Wegen der Vogelkacke. Er gab noch den Tipp, in der Nacht zu fahren. »Nachts ist Feuer frei.« Aber der Verbrauch… »Ach, Kraft kommt von Kraftstoff.«

In seinen Augen war Trotz.

Beginnt eine Revolution heute noch auf der Straße? Oder kommt sie dort zuletzt an?