Was ist das? Weit und breit keine Spur von in Feuerglut brutzelnden Kartoffeln und dem warmen Zauber, der das Wort "kaschubisch" umgibt. Stattdessen flaches Land mit Wiesen und Büschen unter grauem Himmel. "Das hier ist übrigens das alte Bissau", sagt der junge Danziger Stadtführer Andreas Kasperski, der mich vom Flughafen abholt. Tatsächlich? Bissau, in dem Oskar Matzeraths Großmutter majestätisch auf vier Röcken unter kaschubischem Himmel thronte und in mächtigem Schweigen kommen ließ, was kommen sollte: einen über die Felder springenden, flüchtenden Brandstifter, der nirgends sonst als unter den vier Röcken Zuflucht fand?

Aus Bissau, Kaschubei, ist Bysewo geworden; Danziger Peripherie, an der nun der Flughafen in die Wiesen wächst. Überreste also, Spuren, Verlorenes: Ist es das, was man findet, wenn man sich aufmacht, eine Landschaft zu besichtigen, die längst Weltliteratur geworden ist? Günter Grass war es ja schon vor 50 Jahren um das Verlorene gegangen. Die Blechtrommel, sagte er einmal, sei sein "Versuch, ein Stück endgültig verlorene Heimat festzuhalten". Als er in den letzten Oktobertagen 1958 das erste und das 34. Kapitel seines Romans der Gruppe 47 vorlas, hatte er mit Hilfe von Oskars rot-weißem Blech schon ein großes Stück Heimatlandschaft herangetrommelt.

Der Aufruhr folgte auf dem Fuß: Grass erhielt den Preis der Gruppe für nur zwei Kapitel. Mit dem Erscheinen des Buchs kamen jene "Schreie der Freude und der Empörung", die von Hans Magnus Enzensberger prophezeit worden waren. Grass hatte eine Epoche ins Gedächtnis gebracht mit seinem Erzähler Oskar Matzerath, der 1924 in Danzig geboren wurde und dreijährig das Wachsen einstellte: 1927 also, in dem Jahr, als sein Schöpfer im Langfuhrer "Storchenhaus" zur Welt kam.

"Sehen Sie das Haus da drüben?" Kasperski weist in eine Seitenstraße, wo ein altmodisches Gebäude steht. "Früher hat wirklich ein Storch auf dem Dach genistet." Er selbst wurde 1971 in der Frauenklinik geboren. Wir sind auf der Grunwaldzka, einer vielspurigen Rennstrecke ins innere Danzig, die das Stadtviertel Langfuhr durchtrennt. In Langfuhr – heute Wrzeszcz – ist Günter Grass aufgewachsen. "Das da ist das Conradinum", sagt Kasperski und zeigt auf den wuchtigen Backsteinbau, den Grass bis zur Obertertia besuchte. Wirkt hässlich, dieser von Hochhäusern gesäumte Stadtteil… Nein, nein, beruhigt Andreas Kasperski, "das richtige Langfuhr liegt hinter der Hauptstraße. Sehen Sie es sich morgen in Ruhe an."

Wir fädeln uns in ein Gewirr enger Gassen. "Hier ist die Altstadt. Ein Stück weiter südlich kommen wir in die Rechtstadt", sagt Kasperski. Beide zusammen bilden Danzigs historischen Kern. Vor uns liegt ein großer Platz, der Kohlenmarkt. Noch ist kein einziger polnischer Ortsname gefallen. Andreas Kasperski führt durch Danzig, als wäre es eine deutsche Stadt. Um die Ecke steht das Zeughaus. Wir schauen über den Kohlenmarkt zu den seltsam zusammenhanglos hintereinanderstehenden Stadttoren. Das Hohe Tor, die einstige Hauptpforte, sieht ohne Stadtmauer verloren aus. Dahinter das Vortor mit der "Peinkammer", aber erst das Langgassentor dient als heutiger Eingang in die prächtige Langgasse und die historische Innenstadt. Auch für Oskar Matzerath liegt in dieser verschachtelten Häuserlandschaft die Mitte von Danzig: hat doch der Spielwarenhändler Sigismund Markus seinen Laden in der Zeughauspassage, gibt doch Agnes Matzerath hier auf dem Weg zum Schäferstündchen ihren ewig Dreijährigen ab. Einmal reißt Oskar aus, nimmt die Tore unter die Lupe und zersingt mit seiner scheibenbrechenden Stimme die Fenster im Stadttheater.

"Wenn Oskar heute (…) trommelnd die Zeughauspassage, die Kritzeleien auf den Kerkerwänden des Stockturmes, den Stockturm selber und seine geölten Folterinstrumente, die drei Foyerfenster des Stadttheaters hinter den Säulen und wieder die Zeughauspassage und den Laden des Sigismund Markus aufsucht, um Einzelheiten eines Septembertages nachzeichnen zu können, muß er auch gleichzeitig das Land der Polen suchen. Sucht es womit? Er sucht es mit seinen Trommelstöcken. Sucht er das Land der Polen auch mit seiner Seele? Mit allen Organen sucht er, aber die Seele ist kein Organ."

In der Langgasse drängen sich die Touristen. Voller zierlicher, himmelstrebender Renaissancehäuser, erstreckt sie sich bis zum backsteinernen Rechtstädtischen Rathaus. "Vor der Wende spielte das Glockenspiel vom Rathausturm die Rotta", erzählt Andreas Kasperski und zitiert den Refrain des polnisch-nationalistischen Kampfliedes: "Es wird kein Deutscher uns ins Gesicht spucken." Kasperski ist der Sohn einer deutschen Mutter, die nach dem Krieg ihre Sprache nicht mehr sprechen durfte. Für ihn ist Danzigs wahre Identität deutsch. "Danzigs Seele ist 1945 gestorben", sagt er, der doch viel später im Land der Polen aufwuchs und als Stadtführer stolz eine Heimatstadt präsentiert, deren schönes Gesicht nach dem Krieg von den Polen wiederhergestellt wurde.