Dennoch fällt immer wieder das schöne Wort "Nachhaltigkeit", auch bei einem von Shell ausgerichteten Lunch mit Folienpräsentation. James Smith, der Vorsitzende des Aufsichtsrats der britischen Shell, der sich der Tour in die Teersandfelder anschließt, erläutert dabei, dass die Strategie des Unternehmens auf "harten Tatsachen" basiere: Die steigende Nachfrage nach Öl vor allem in den Schwellenländern müsse befriedigt werden; die Vorräte an leicht abbaubarem Öl seien am Schwinden und würden immer schwieriger zugänglich. Deshalb spielten Teersand und in Zukunft auch andere, bislang unerschlossene Kohlenstoffträger eine wachsende Rolle.

Freilich, so Smith, strapazierten deren aufwendigere Gewinnung und Verarbeitung die Umwelt. Diesen Realitäten müsse sich jede Ölfirma stellen. Shell setze sich deshalb zum Ziel, in Umweltfragen überall neue Maßstäbe zu setzen. Auch hier in Kanada? – "Ja, auch hier."

In der Muskeg River Mine ist der Kanadier Glen Blanchard als "Klärkoordinator" für das verschmutzte Wasser und den Ölschlamm zuständig. Er steuert seinen Geländewagen über eine schlüpfrige Sandpiste auf den 50 Meter hohen Damm des Klärsees zu. Der Zweck der Fahrt ist die Besichtigung einer brandneuen Vogelschreckanlage. "Damit", sagt er, "sind wir führend in der Branche. Die ist auf dem neuesten Stand der Technik."

Auf einem Stahlcontainer dreht sich ein Radar. Wenn sich Vögel nähern, aktiviert das Instrument Warnschüsse, auf Pontons montierte künstliche Falken stoßen Jagdgeschrei aus. Vergangenes Jahr, berichtet Blanchard, seien hier nur 26 Enten und Gänse verendet. Im Schnitt sterben auf jedem Klärgewässer jährlich 100 bis 300 Vögel, im April kamen auf einem Klärsee der benachbarten Syncrude-Mine an einem Tag 500 Enten um. Bilder der verölten Vögel gingen um die Welt.

Blanchard begann seine Karriere als Bulldozerfahrer und ist ein Maschinenfreak wie jeder, den man hier draußen trifft. Mal im Ernst, wollen wir wissen, ist der aufwendige Vogelschutz nicht vor allem eine teure PR-Aktion? "Na ja", räumt er ein, "diese Greenpeace-Typen regen sich halt auf, wenn ein paar Vögel eingehen. Aber niemand redet davon, dass auf jedem größeren Flughafen pro Jahr eine Dreiviertelmillion Vögel verendet."

Spricht man den örtlichen Pressesprecher der Mine auf seine Meinung an, tut auch der sich keinen Zwang an: "Als die Enten auf dem Syncrude-Teich ersoffen, gingen 500 Anrufe aus aller Welt ein. Etliche riefen auch bei mir an. Ich sagte, ich habe hier gerade einen Toten. Einer unserer Caterpillars hatte an dem Tag einen Geländewagen zerquetscht. Kein Mensch hat sich dafür interessiert."

Syncrude, der Veteran unter den Teersandbetrieben, nahm bereits 1958 eine Pilotanlage zur Nutzung des in die kanadische Tundra eingeschlossenen Öls in Betrieb. Ihre erste, sechs Kilometer lange und vier Kilometer breite Grube war 2006 ausgeschöpft. Schon Anfang der neunziger Jahre begann das Unternehmen, die Landschaft zu regenerieren; sogar die beim Aufbrechen der Mine abgetragene Humusschicht und der darunterliegende Lehm müssen aufbewahrt und wiederverwendet werden.