Wenn die Bestsellerliste etwas verrät über den allgemeinen literarischen Geschmack, dann können wir sehen, wie König Kunst und König Kitsch sich einen zähen Kampf liefern. Siegfried Lenz mit seiner wunderbaren Erzählung Schweigeminute ist in den wahrhaft morastigen Feuchtgebieten von Charlotte Roche heldenhaft untergegangen, und kaum hat sich Uwe Tellkamps großartiger Turm daraus erhoben, kommt der Drachenreiter Eragon und umhüllt ihn mit den Schwaden seines Hexengebräus.

Wer, um Himmels willen, ist Eragon? Leser des Herrn der Ringe werden sich an den König Aragorn erinnern, und in der Tat verdankt die Eragon-Trilogie des amerikanischen Fantasy-Autors Christopher Paolini seiner Vorlage eine ganze Menge. Tolkiens 1955 erschienener Roman ist längst zu einem Quelltext verzweigter Um- und Weiterdichtungen geworden. Wer jetzt unvorbereitet in den dritten Band der Eragon-Saga einsteigt, erkennt trotz all der bizarren Namen und Landschaften bald das vertraute Ensemble aus Drachen und Hexen, Elfen und Zauberern. Und natürlich, wie bei Tolkien, gibt es jede Menge abartiger Wesen, es gibt die Inkarnation des Bösen, den König Galbatorix, der sich die ganze Welt unterwerfen will. Interessant an Paolinis Kunstmärchen ist die Rückübersetzung der digitalen Epoche ins Mittelalter. Die Schlachtbeschreibungen wirken wie ein Abbild computergestützter Animation, und die Möglichkeiten, die der Datenverkehr bietet, werden von Eragon und den Seinen souverän telepathisch beherrscht. Weil es dem Autor an Poesie mangelt, häuft er Detail auf Detail und Effekt auf Effekt, sodass der Roman wie ein riesiges Wimmelbild wirkt, in dem nur der Kenner sich zurechtfindet. Gerade aber für den Kenner, der die Parallelwelt studiert wie der Lepidopterologe das Leben der Schmetterlinge, ist die Saga geschrieben, und man fragt sich, weshalb so viele Leser, jugendliche vor allem, diese nicht geringe Mühe auf sich nehmen. Sicherlich hat es mit Eskapismus zu tun, mit dem Wunsch, jenem Alltag zu entkommen, der immer größere Anforderungen an Geistesgegenwart und Selbstverleugnung stellt.

In einer zentralen Zweikampfszene bringen sich die Antagonisten so oft Schnitte in den eigenen Unterarm bei, bis einer von beiden umfällt. Jenen Mädchen, die an der Lust zur Selbstverletzung leiden, wird das vertraut vorkommen. Es scheint, als wachse, je tiefer der Frieden, der Wunsch nach Blut, und in der Tat ist Eragon, nicht anders als der Herr der Ringe, voll von Todesbildern. Aber es sind eben Bilder, keine wirklichen Tode, sie ereignen sich auf einem anderen Planeten, der gerade so viel Ähnlichkeit mit dem unsrigen hat, dass wir uns mit den Helden identifizieren können. Und schön ist, dass wir wissen, auf welcher Seite wir zu sein haben.

Im Grunde ist jeder Leser ein Eskapist, mit dem Unterschied allerdings, dass Uwe Tellkamps Turm oder Uwe Timms Halbschatten, um zwei der wichtigsten Bücher dieses Herbstes zu nennen, eine Geschichte vergegenwärtigen, die uns unmittelbar angeht, nämlich die deutsche. Manchmal aber, wenn einem alles zu viel ist, nimmt man Bücher zur Hand, um sich den Kopf freizulesen und gewissermaßen verantwortungslos abzutauchen in ein Nirgendwo.