Was hat sie da gerade gesagt? "Today the slave pays to be a slave". Ein Stück raunender Sprechgesang, mitten im Small Talk über den taumelnden Kapitalismus. Grace Jones mag da sitzen, als wäre nichts, in diesem etwas zu blau dekorierten italienischen Restaurant irgendwo südlich der Themse, und entspannt an ihrem grauen Stretchtop zupfen. Sie mag von ihren Antipasti picken und dröhnend lachen, mit ihrem großen roten Mund, dem dunklen Gesicht. Aber wenn sie das Wort "Sklave" ausspricht, läuft einem ein Schauer über den Rücken. Denn Grace Jones, geboren vor sechzig Jahren in Jamaika, war es, die dem Wort einen neuen Klang gegeben hat.

Weit ausgeholt hat sie damals, mit langen Armen unter breiten Schulterpolstern, und hat uns den slave wie einen stählernen Speer ins Bewusstsein geschleudert: die Botschaft von der erotischen Anziehungskraft der Maschine. Mit Slave to the Rhythm wurde Grace Jones die Ikone der achtziger Jahre – einer Zeit, die Orwells Apokalypse wie einen Phantomschmerz mit sich herumtrug und im New Wave ästhetisch ausagierte. Technik war schön, Künstlichkeit war Glamour. Und Jones, die in den späten Siebzigern als androgyne Prinzessin der Schwulendisco debütiert hatte, wurde mit einer eiskalten Version von La Vie en Rose, dem Clubtrack Pull up to the bumper oder eben Slave to the Rhythm zum Lieblings-Alien des Mainstream.

Der französische Designer Jean-Paul Goude, nebenbei Vater ihres Sohnes, war damals ihr Stylist. Er schickte sie mit Tigern auf die Bühne, fotografierte sie für das Cover ihrer CD Island Life als makellose Ebenholzskulptur, zerstückelte ihr Konterfei zum Roboter-Look und verpasste ihr leuchtende Maschinenaugen. Die Bilder waren prekär: Jones gab ihren Körper für Fotos wie von Leni Riefenstahl, sie riskierte das Klischee, und, o Wunder: Sie ging niemals in ihm unter.

1979 war Grace Jones auf dem Cover des stern, fotografiert von Helmut Newton, kniend und mit Fesseln an den Füßen. Den Domina-Blick der nicht zu zähmenden Schönheit haben die Damen von Emma damals wohl übersehen: Sie verklagten den stern wegen Rassismus und Sexismus. "Wirklich?", fragt Jones heute lachend. "Aber warum denn? Helmut sah mich in Ketten. Also trug ich Ketten!"

Sie hat sich von vielen gestalten lassen, als Model, als Sängerin, als Schauspielerin. Wenn man mit Künstlern zusammenarbeitet, sagt sie, muss man sich ihnen komplett anvertrauen. Man muss ihren Visionen folgen. Was sie nicht verrät, ist, wie sie es schafft, sich in der Hingabe diese Stärke zu bewahren. Spiegel sein, aber ein Spiegel aus Stahl: Das ist das Geheimnis dieser Frau, gegen deren Talent zur Ikone selbst Madonna wie eine verkleidete Kellnerin wirkt.

Vielleicht hat sie es von Andy Warhol gelernt, mit dem sie in den Siebzigern im Studio 54 Boheme spielte. Über den Umweg Paris startete sie eine Model-Karriere, zu einer Zeit, als schwarze Frauen auf dem Laufsteg noch eine Sensation waren. Von Anfang an begnügte sie sich nicht mit der Rolle als besserer Kleiderständer. "Ich war immer nah an den Designern und damit auch an den Künstlern", sagt sie. Mit Issey Miyake, dem Techno-Artisten unter den Modemachern, ging sie Stoffe aussuchen. Bei Warhol allerdings, der sie oft fotografierte, muss sie die Idee einer Existenz als Gesamtkunstwerk aufgesogen haben.