Auf dem Marktplatz in Wiesbaden, schräg gegenüber dem Hessischen Landtag, stand am Montag ein großes, rotes Zirkuszelt. Als in den frühen Morgenstunden die Arbeiter anrückten, um mit dem Abbau der Manege zu beginnen, schien in der hessischen Politik noch alles in Ordnung. Doch dann, um kurz vor zehn klingelte bei der designierten Regierungschefin Andrea Ypsilanti das Telefon. Schlechte Nachrichten. Ein paar Stunden später erklärten vier hessische SPD-Parlamentarier, warum es mit ihrem Gewissen nicht vereinbar sei, gemeinsam mit den Abgeordneten der Linken Andrea Ypsilanti zur hessischen Ministerpräsidentin zu wählen: "Man geht mit Rückgrat in die Wahlkabine und kommt ohne Rückgrat wieder heraus." Das wollten sich die vier nicht antun. Im allerletzten Moment haben sie die Notbremse gezogen.

Der Traum, den Andrea Ypsilanti ein Jahr lang gegen alle Widerstände verfolgt hat, ist geplatzt. Nichts scheint nun passender als der Satz, den Kurt Beck schon im März nach dem ersten gescheiterten Versuch gesagt hatte: "Man läuft nicht zweimal mit demselben Kopf gegen dieselbe Wand." Dabei trieben den damaligen SPD-Chef keine bösen Vorahnungen. Er sprach nur aus, was selbstverständlich schien: Einen zweiten Versuch, in Hessen eine Minderheitsregierung unter Tolerierung der Linken zu bilden, würde es nicht geben. Kurz darauf begannen in Hessen die Vorbereitungen für den nächsten Anlauf.

Ausgerechnet Roland Koch spricht jetzt von Demut

"Eine Zäsur in der deutschen Geschichte" hatten hessische CDU-Funktionäre in den letzten Tagen Ypsilantis Vorhaben düster beschworen. Doch statt mithilfe der Linken entmachtet zu werden, stehen die hessische Union und ihr Anführer Roland Koch urplötzlich vor einem unerwarteten Comeback. Im Gegenzug erlebt die Landes-SPD das größte Desaster der Nachkriegsgeschichte. Ihren Beinahewahlsieg vom Januar hat sie restlos verspielt, die Vorsitzende, die mit ihren Plänen die Republik ein Jahr lang in Atem hielt, steht vor ihrem politischen Ende. Aber als Andrea Ypsilanti am Montagabend im Landtag vor einer Pappwand der SPD-Fraktion ihre "maßlose Enttäuschung" über ihre abtrünnigen Kollegen formulierte, trat sie nicht zurück. Sie reagierte mit Trotz. Selbst jetzt wirkte sie, als wollte sie gleich wieder zum Sturz Roland Kochs aufrufen.

Aber das Desaster der hessischen SPD ist zu groß, das Projekt Linkswende und sein Scheitern sind zu aberwitzig, als dass sich das alles auf die Marotten der Spitzengenossin zurückführen ließe, ihren Machtwillen, ihre Sturheit, ihre Selbstüberschätzung. Zu sehr erinnert dieses ganze hessische Jahr an die Art, wie hier von jeher Politik betrieben wird. Lange bevor Ypsilanti antrat, war Hessen ein Ort der ideologischen Grabenkämpfe, der beispiellosen Polarisierung, der vergifteten Atmosphäre. Hier gehen die Protagonisten schon immer aufeinander los wie sonst nirgends – Dregger gegen Börner, Fischer gegen Koch und Kanther. Wer in Hessen mitmischt, hat diesen kompromisslosen Zug ins Unbedingte: Koch ohnehin, Ypsilanti hat schnell gelernt. In Hessen hat Alfred Dregger die CDU zum "Kampfverband" geformt und ein Law-and-Order-Mann wie Manfred Kanther hielt noch den Rechtsbruch für erlaubt, wenn dabei die Mittel zur Bekämpfung des Gegners heraussprangen. Kochs entfesselter Wahlkampf und Ypsilantis "Koch-muss-weg"-Kampagne waren nur die letzten Kulminationspunkte der erbitterten Auseinandersetzung. Wer sich fragte, wie die hessische SPD nahezu geschlossen auf den Wortbruch und den Pakt mit der Linkspartei einschwenken konnte, findet in der wüsten Tradition der hessischen Verhältnisse am ehesten eine Erklärung.

Bislang war es vor allem die hessische CDU, die Stolz auf ihre bedingungslose Geschlossenheit zeigte. Ausgerechnet auf diesem Feld hat Ypsilanti in den zurückliegenden Monaten versucht, die CDU zu schlagen. Wer sich in der SPD gegen den Linkskurs aussprach, durfte auf Toleranz kaum rechnen. Wie auch? Wo im Landtag jede Stimme zählte, war für Dissidenten kein Platz. Von "Irritationen" mochte Ypsilanti nur sprechen, nachdem sie ausgeräumt waren. Immer wieder erklärte sie, wie sicher sie sich aller notwendigen Stimmen sei. Noch am Wochenende versprach sie ihrer Partei den Politikwechsel, "auf den alle so lange gewartet haben". Dabei war die Mehrheit der Wähler in Hessen gegen das Projekt. Die SPD wollte es bis zum Schluss nicht wahrhaben. Und Ypsilanti musste hoffen, dass die breite öffentliche Ablehnung keinen weiteren SPD-Abgeordneten zum Nein bewegen würde – außer Dagmar Metzger, die sich früh dazu bekannt hatte.

Drei weitere – Jürgen Walter, Carmen Everts, Silke Tesch – haben sich am Ende noch gefunden. Gegen die erdrückende Mehrheit ihrer Partei bekundeten sie offen ihre Ablehnung. Wer den Konformitätsdruck der letzten SPD-Parteitage gespürt hat, ahnt, dass diese Entscheidung Mut brauchte. Und doch haftet auch dem Vorgehen der Abweichler eine Spur der Verrücktheit an, die in der hessischen Politik zu Hause ist. Außer Dagmar Metzger hatten alle in einer geheimen Abstimmung Ypsilanti ihre Stimme versichert. Als sie sich am Ende doch anders entschieden, lehnten sie jedes Gespräch ab. Die näheren Gründe erfuhr die Fast-Ministerpräsidentin am Bildschirm. Jeder der drei hätte seit März erreichen können, was der Berliner SPD-Führung durch Zureden nicht gelungen war: das Aus des hochumstrittenen hessischen Projektes. Am Ende haben sie es erreicht, im allerletzten Moment, unter den denkbar größten Eruptionen.