Man kann sich gut vorstellen, wie Carl Graf von Hardenberg und sein Kompagnon Georg Rosentreter so abends beim Fläschchen Rotwein vorm Kamin saßen und sich überlegt haben, welchen Namen sie ihrem neuen Waldhotel denn geben sollen. Irgendwann mag sich der Graf gedacht haben: Mensch, wir hatten doch den Friedrich in der Familie, unseren großen Dichter Novalis, warum nennen wir unser Hotel nicht einfach "Freigeist". Der Name ist gut gewählt, wenngleich Novalis ein ziemlich entfernter Verwandter und womöglich zeit seines kurzen Lebens niemals im niedersächsischen Northeim zu Besuch war. So gesehen hätte man das Hotel auch "Zum Wolllustteufel" nennen können, denn der junge Dichter war kein Kostverächter und fühlte sich "vom Wollustteufel chicaniert".

Mit dem Namen Freigeist gibt das Hotel gleich seinen Anspruch bekannt. Es möchte ein Ort der Kontemplation sein und seinen Gästen den Kopf frei machen, Golfern ebenso wie Erholungssuchenden und Tagungsteilnehmern – das alles zu fairen Preisen, denn das Freigeist versteht sich als Hotel der gehobenen Mittelklasse. Novalis würde sagen, dass schon die Lage des Hauses zu "Besonnenheit und ruhigem Sinn" stimmt. Der helle, flache Neubau, in den der Rest eines älteren Gebäudes integriert wurde, steht im bunten Herbstwald. Selbst nach Betreten des Hotels fühlt man sich der Natur recht nah. Durch riesige Fenster fällt das Licht ein, und was draußen herumsteht, wurde auch drinnen verarbeitet: Zwölf Eichen liegen, getrocknet, geschnitten, geölt, als Holzbohlen in den Gesellschaftsräumen und 62 Zimmern. An der Rezeption wird man allerdings etwas stutzig. Muss die Dame den Gast so hölzern einchecken? Und was sollen die zahlreichen hüfthohen Vasen mit dem giftgrünen Gras, das offensichtlich aus Plastik ist?

Irritiert schreitet man die Treppe in den ersten Stock hinauf, viel Holz, viel Stahl. Man setzt sein Gepäck im hellen, geräumigen Zimmer ab, geht hinaus in die Herbstsonne und spaziert durch die sanft hügelige Waldlandschaft, alles schön romantisch hier. Eine gute halbe Stunde dauert es bis zum Hardenbergschen Golfimperium, zu dem unter anderem zwei 18-Loch-Plätze mit eigenwilligen Hindernissen gehören – ein Loch findet sich auf der Halbinsel in einem kleinen See, die Halbinsel hat die Form eines Keilerkopfes, des Wappens der Hardenbergs. Gerade wurde die Golfanlage als eine der schönsten in Deutschland ausgezeichnet.

Nach dem Tee in der Golflounge wird jedoch eine Schwäche des Freigeistes deutlich: der Service. Man muss sich fast den Kopf darüber zerbrechen, wie man in der Abenddämmerung zurückkommt. Zwar bietet das Hotel einen Shuttleservice zum und vom Golfplatz an, doch telefonisch ist an der Rezeption schon seit knapp 20 Minuten niemand zu erreichen. Der junge, aufmerksame Manager der Golflounge zeigt schließlich größtmögliche Spontanität und fährt den Gast höchstselbst zum Freigeist zurück.

Inzwischen ist es dunkel. Morgen wird man im Kaminzimmer des Hotels speisen. Man wird sich über die Speisekarte freuen, über das Hirschragout in Rotweinsauce mit Waldpilzen, Apfelrotkohl und Spätzle. Sämtliche Produkte kommen aus heimischen Wäldern und Gärten und Bauernhöfen. Aber heute zieht man ein Abendessen im Restaurant des wenige Kilometer entfernten Burghotels vor, das ebenfalls zum Gräflichen Landsitz Hardenberg gehört. Diese kleine Exkursion ist unbedingt zu erwähnen. Nicht nur, weil der erneut angepriesene Shuttle wieder einmal nicht klappt, sondern auch deshalb, weil sie im Burghotel geradezu fürstlich kochen, und vor allem, weil sie den Gast maximal überraschen: Kaum flüstert der seinem Partner am Tisch zu, er habe seine Brille vergessen und könne die Speisekarte schlecht lesen, da eilt schon die aufmerksame Kellnerin heran und öffnet eine mit Samt ausgeschlagene Schatulle, in der vier Lesebrillen mit unterschiedlich starken Gläsern liegen.

Novalis hat sinngemäß einmal gesagt, dass die Poesie dem Menschen den Kopf frei macht. Im Freigeist gibt es keine Bibliothek. Aber es gibt überall im Hotel die amüsante Kunst des Malers Goran Djurovic – seine Bilder zeigen kleine skurrile Menschen in fantasievollen Landschaften, und von der Decke des Kaminzimmers lässt Djurovic große Messingfische baumeln. Dort sitzt man mit einem Kännchen Verbenen-Tee und dem eigenen Buch und verbringt einen langen Abend – im Zweifelsfall liest man Novalis’ Hymnen an die Nacht.

Tomas Niederberghaus