Im Frieden geht das Gefühl für Unwirklichkeit leicht verloren. Leben ist so selbstverständlich. Im Krieg, wo es massenhaft vernichtet wird, ist es immer wieder überraschend, noch zum Lebendigen zu gehören. "Aha, du bist also nicht tot", sagen die Freunde, als sie die Stimme der Reporterin am Telefon hören. Ringsum eine Orgie des Tötens und Sterbens. Niemand weiß, warum. Niemand weiß, wieso die Faschisten gerade letzte Nacht angriffen und nicht diese, warum das Unglück dort und nicht hier zuschlug. Undurchschaubares Chaos. Dass das Zimmer in der Luft hängt, man vom Bett aus quasi in den Krieg spaziert, ist normal. Ein Stück Brot ein kleines Wunder. Der sorgsam gezimmerte Unterstand ein herrliches Kunstwerk gegen die Kälte, den Kugelhagel. Menschen, ausgebombt, ausgezehrt von Hunger und Schlafmangel, sagen: "Alles in Ordnung." Und dann, plötzlich, der Duft von Gras. In einer Gefechtspause eine Wiese, die nach Sommer riecht. Wie seltsam: Sommerwiese.

Und schöne Musik aus den feindlichen Lautsprechern. "Wie fanden Sie’s?", fragt der Major. "Ausgezeichnet, vielleicht ein bisschen zu schnell gespielt." Und der kleine Junge mit der schweren Kopfverletzung sitzt streng und aufrecht in seinem Lazarettbettchen. Er weint nicht, weil er tapfer ist und fassungslos angesichts des unverständlichen Spiels, das die Erwachsenen da spielen.

Die Militärbehörden der Welt fürchten diese glamouröse Reporterin

Der unbegreifliche Irrsinn des Krieges als eine von Menschen gemachte Naturkatastrophe war das große Thema der amerikanischen Schriftstellerin und Journalistin Martha Gellhorn. In ihrem langen Reporterleben berichtete sie von fast allen Kriegsschauplätzen des 20. Jahrhunderts für große Zeitungen, gefürchtet von den Militärbehörden dieser Welt.

Sie war 28, groß, blond, glamourös und dürstete nach Heldentum, als sie in den Strudel des Spanischen Bürgerkrieges geriet, um an der Seite Hemingways, den sie 1941 heiratet, mit zahllosen anderen Intelligenzlern für die republikanische Sache zu kämpfen, in der Hoffnung, den Faschismus in Europa hier stoppen zu können. Madrid ist kalt, man sitzt im Dreck, die Stadt ein einziges Schlachtfeld. Doch für die Reporterin ist es "die herrlichste Atmosphäre, die es gibt". Die Menschen sind wunderbar brüderlich, im Elend wachsen sie über sich hinaus. Der Krieg, das wird der Tenor all ihrer Reportagen sein, ist abscheulich, eine von Regierungen angezettelte Idiotie. Aber die bomber boys sind wunderbare todesmutige Jungs, die im größten Schlamassel ihren Humor behalten, "ein bisschen verrückt" spielen müssen, um nicht den Verstand zu verlieren. Martha Gellhorn schrieb "aus Selbsterhaltungstrieb" nur über das, "was tapfer und anständig war". Aber sie schrieb auch Petitionen und wütende Briefe. An Eleanor Roosevelt, die Präsidentengattin, zum Beispiel dieses zornige J’accuse: "In dem Krieg, der kommen wird, werden die jungen Männer sterben, die besten zuerst, und die alten mächtigen Männer werden überleben, um den Frieden zu verpfuschen. Und alle, die ich liebe, werden tot sein… Ich kann nicht begreifen, warum dieses viele Leid sein muß… Das menschliche Tier ist mir zu hoch… bin wütend bis auf die Knochen."

Das kämpferische Temperament und ihr Sendungsbewusstsein brachte sie gewissermaßen schon von Haus aus mit. Geboren am 8. November 1908 in St. Louis, wuchs sie in einer sozialreformerisch orientierten Familie auf. Der Vater war Arzt, aus Breslau gebürtig, von wo ihn das militaristische und antisemitische Klima vertrieben hatte. Er war halbjüdisch wie Marthas Mutter, eine beherzte Vorkämpferin des Frauenwahlrechts. Ihr eiferte die Tochter nach. Allerdings sollte ihr Leben viel wilder und aufregender sein. Ein Leben voller Lachen und lieber "schmerzlich unglücklich" als langweilig.

Langweilig war Hemingway nicht, aber eifersüchtig und rachsüchtig. Zu lachen gab es da nicht viel. Aber der Großwildjäger und die wilde Amazone, wie hätte das funktionieren sollen? Auch eine zweite Ehe ging schief. Martha Gellhorn liebte nach eigenem Bekenntnis "immer nur die Welt der Männer, nicht die MännerundFrauenWelt". Ein Credo, wie mit der Zirkelspitze in ihren innersten Gefühlskreis gestochen. Die kühne Männerwelt des Krieges, wo sie sich als Gleiche unter Gleichen anerkannt fühlte, nichts davon, weder Gleichheit noch menschliche Größe, fand sie in der Männer- und Frauen-Welt. Nur darin spielen ihre Romane und Erzählungen. Eine Welt nah an der Jelinek-Welt. Nicht in der sprachlichen Manier, aber gedanklich ebenso kühn misogyn.