Edith Nesbit hat vor gut hundert Jahren gelebt, als Frauen sich in Korsette einschnürten, unpraktische weite Röcke trugen und nicht viel mehr sein durften als Gattinnen. Edith Nesbit war keine von denen. Sie war eine Fortschrittliche, die sich mit Gleichgesinnten traf, um zu diskutieren, wie eine freiere und gerechtere Gesellschaft aussehen könnte. Fabian Society hieß ihre Gruppe, ein Vorläufer der Labour-Partei. Und Nesbit war eine Frau, die ihr eigenes Geld verdiente. Um die Jahrhundertwende waren ihre Bücher so erfolgreich, dass ein kleines Vermögen zusammenkam. Etwa vierzig Kinderbücher hat sie geschrieben. Die meisten handeln von Kindern, die große Abenteuer überstehen, geradeso wie Pippi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter. Die Königstochter in Nesbits Geschichte Der letzte Drache könnte fast ein Vorbild für die starken Mädchen gewesen sein, die Astrid Lindgren sich viele Jahrzehnte später ausgedacht hat.

Mann und Frau als ein gutes Team, das hat Edith Nesbit selbst erlebt und gelebt: Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie sich Geschichten ausgedacht und sie veröffentlicht. Doch sie ist auch enttäuscht worden: Als junges Mädchen, Hals über Kopf verliebt, wird sie schwanger, aber der Vater ihres Sohnes zieht nicht mit ihr zusammen, sondern wohnt weiter bei seiner Mutter. Erst später erfährt sie, dass er dort noch eine Frau und noch ein Kind hat. Sie hat es hingenommen, später haben sie doch geheiratet und noch zwei Kinder bekommen.

Ihr jüngster Sohn, Fabian, stirbt, als er fünfzehn ist. Ihm hat sie den Sandelfen gewidmet, doch den Schmerz über seinen Tod merkt man dem Buch nicht an. Vielleicht hat sie ihn zurückgewünscht in dieses Kinderleben, in dem Robert, Anthea, Jane und Cyril so unbeschwert in die Sandgrube ziehen und Abenteuer erleben. So etwas hat sie oft gemacht: sich Dinge ausgedacht, um die Wirklichkeit zu bewältigen. Als sie einmal, als ganz kleines Mädchen, mit ihrer Mutter und den großen Geschwistern Mumien in einem Museum angeschaut hatte, war sie danach so verängstigt, dass sie einbalsamierte Leichen in den Vorhängen ihres Hotelzimmers zu entdecken glaubte. Später bastelte sie Mumien mit ihren Freundinnen, so lange, bis ihr das keine Angst mehr machte. Julia Briggs, die ihre Biografie geschrieben hat, glaubt, Edith Nesbit sei ihr Leben lang halb Kind, halb Erwachsene geblieben. Erwachsen genug, um Kinder großzuziehen und um Kompromisse zu schließen, und Kind genug, um nachts mit dem Kahn auf den See zu fahren und aufzuschreiben, was ihr durch den Kopf ging.

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