Von Edith Nesbit habe ich gelernt, wo die Drachen geblieben sind: Königssöhne haben sie erschlagen, um Königstöchter zu retten und diese anschließend zu heiraten. Doch den letzten lebenden Drachen hat der Königssohn, der ihn erschlagen sollte, vor dem Tod bewahrt. Zum einen, weil er "seine Fechtstunden unglücklicherweise immer etwas vernachlässigt" hatte. Und zum anderen, weil er Manns genug war, auf die Tochter des Königs von Cornwall zu hören, die den Drachen lieber dressieren wollte. Mit Keksen zähmen, bis er ihr aus der Hand fraß.

Wir waren im Auto unterwegs, als ich Edith Nesbits Geschichte vom letzten Drachen zum ersten Mal hörte, und als wir angekommen waren, blieben wir noch lange im Auto sitzen, um das Ende mitzubekommen (und es waren nicht nur die Kinder, die nicht aussteigen wollten). Die Königstochter gewinnt das Herz des Drachen, setzt sich über die überkommenen Regeln der Monarchie hinweg und bringt das Untier mit an den Hof, wo es sich nützlich macht und als erstes Flugzeug einhundertfünfzig Kinder auf einmal zum Strand fliegt.

Ein feministisches Märchen, wie wunderbar ist das denn! Und warum kenne ich die Autorin gar nicht, fragte ich mich und war sehr erstaunt, als ich las, dass sie in Sommer 2008 hundertfünfzig Jahre alt geworden wäre. Dass sie sich den letzten Drachen also schon vor gut hundert Jahren ausgedacht hatte. Wow!

Sofort kaufte ich einen Stapel Edith-Nesbit-Bücher und holte nach, was ich als Kind zu lesen verpasst hatte. Den Sandelfen zum Beispiel, den Anthea, Robert, Cyril und Jane in der Sandkuhle entdecken, als sie ein Loch buddeln, das bis nach Australien reichen soll. "Lass mich in Ruhe", sagt das grantige pelzige Wesen, aber die einfühlsame Anthea zähmt ihn wie die Königstochter den Drachen, zumindest beinahe, und der mürrische Sandelf erzählt, dass er viele Tausend Jahre geschlafen und den Menschen früher Megatherien (Riesenfaultiere) und Pterodaktylen (Flugsaurier) zum Essen herbeigezaubert habe. Der Sandelf kann nämlich Wünsche erfüllen!

Dieses uralte Märchenmotiv – "Drei Wünsche frei!" – hat Edith Nesbit in einen modernen Abenteuerroman für Kinder gepackt. Denkt an den Fischer und seine Frau, möchte man beim Lesen den vier Geschwistern zurufen! Tatsächlich sind die vier Kinder in der englischen Sandkuhle auch weit entfernt von Kasperls und Seppels Bescheidenheit, die sich ja nach der Befreiung der dankbaren Fee Amaryllis nichts weiter wünschen als eine neue Mütze, eine alte Kaffeemühle und die Zurückverwandlung des Räubers Hotzenplotz vom Gimpel zum Menschen. Anthea, Robert, Cyril und Jane gehen stattdessen aufs Ganze. Zunächst wünschen sie sich Schönheit und Reichtum, obwohl sie schon ahnen, dass sie damit nicht glücklich werden.

"Wir möchten", antwortete Robert langsam und bedächtig, "unvorstellbar reich werden." – "Habsüchtig, nicht wahr?", fragte Jane unsicher. "Genau das", entgegnete der Elf unerwartet. "Doch es wird euch nicht viel nützen, das ist der einzige Trost." Der etwas mürrische Elf füllt die Sandkuhle mit alten goldenen Münzen, die zum Einkaufen nur bedingt taugen und die vier Geschwister in Schwierigkeiten bringen. Kinder mit Taschen voller Gold gehören auf die Polizeiwache, so dachte man damals, denn natürlich glaubt ihnen niemand, dass sie das alte Geld nicht gefunden, sondern es herbeigezaubert bekommen haben. Mit Ehrlichkeit kommt man eben nicht weit, wenn man magische Dinge erlebt. Gut, dass jeder Sandelf-Zauber bei Sonnenuntergang endet.

Noch aufregender wird es, als die Frage nach der Habgier geklärt ist und die Kinder sich lieber Abenteuer wünschen: Begegnungen mit Rittern und mit Indianern – und fliegen zu können! All dies gewährt ihnen der Elf gerne, die vier haben unter anderem einen wunderbaren Tag mit Flügeln – bis sie kurz vor Sonnenuntergang auf einer Kirchturmspitze landen.