Es gibt drei Sorten von Erwachsenen: diejenigen, die praktisch schon erwachsen auf die Welt gekommen sind und sich an ihre Kindheit kaum erinnern; diejenigen, die sich für erlittene Zurücksetzungen und Kummer ihr Leben lang an der ganzen Welt rächen; schließlich die, die noch genau wissen, was es bedeutet, klein und hoffnungsvoll zu sein.

Zu den Letzteren gehört ganz sicher die Hamburger Illustratorin Sabine Wilharm, die unlängst zu ihrem eigenen Erstaunen 50 Jahre alt geworden ist – was ihr irgendwie absurd vorkommt, gemessen daran, wie sie sich fühlt, nämlich weder gesetzt noch etabliert noch allzu erwachsen. Ihr inneres Kind beansprucht bis heute ziemlich viel Raum, hilft ihr aber auch, ihre besonderen, wunderbaren Zeichnungen zu machen.

Fast jeder, der in den vergangenen zehn Jahren irgendetwas mit Kindern im lesefähigen Alter zu tun hatte, dürfte Sabine Wilharms Illustrationen kennen: Sie hat die Umschläge der in Deutschland millionenfach verkauften Harry Potter- Bücher gestaltet und den schlanken, ein wenig eckigen Zauberschüler, der ein wenig an die schlanke, eckige Künstlerin erinnert, ins kollektive Bewusstsein gemalt. So vorgestellt zu werden – "das ist die Frau, die Harry Potter gemalt hat" – hasst sie übrigens: "Schrecklich! Als ob man neben Potter gar keine eigene Person mehr wäre", sagt Wilharm. "Aber sogar gute Freunde fangen auf Partys damit an."

Sabine Wilharm lebt seit Kurzem mit ihrem Freund in einem Einfamilienhaus am Rande von Hamburg. Was zum Teufel macht sie in dieser Gegend? Sie scheint eher der Typ, der in verwarzte innerstädtische Ateliers und Szene-Cafés passt, nicht in einen gutbürgerlichen Vorort mit Siebziger-Jahre-Häusern, großen Gärten und Familienautos. Ganz überzeugt, dass sie hierher gehört, ist sie selbst auch nicht – hatte aber andererseits nicht das Herz, das ehemalige Haus ihrer Eltern zu verkaufen. Genauso wie sie Joko weiterpflegt, einen gut 30 Jahre alten, fast blinden, erstaunlich plüschigen Papagei, der nicht mehr selbst in seinen Käfig klettern kann. Die meiste Zeit über liegt Joko mit der Stirn auf dem Fußboden (soweit man bei Papageien von einer Stirn sprechen kann), und gelegentlich hebt Sabine Wilharm ihn dann wieder sanft in seine Behausung. "Als meine Großmutter ihn mir vererbte, meinte mein Vater, ich solle dem Viech einfach den Hals umdrehen", sagt sie. "Aber das geht nicht, er ist doch eine Person." Hingegen hat sie es vergleichsweise mühelos über sich gebracht, das konventionelle Elternhaus mit seinem großen, L-förmigen Wohn- und Essbereich radikal umzugestalten: Die großen Fenster zum Garten sind jetzt gardinenlos, der Fußboden ist kahl, mehrere Zeichentische machen den Raum zum Atelier. "Das ist das erste Mal, dass ich nicht in meinem Atelier schlafe und wohne", sagt Wilharm lächelnd. Die Cafés, in denen sie in Hamburg gern saß und Ideen skizzierte, bleiben aber ein Problem: "Wo soll ich hier denn hingehen? Zu Famila vielleicht?"

Wie viele herausragende deutsche Illustratoren hat Sabine Wilharm die Fachhochschule an der Armgartstraße in Hamburg besucht, nachdem sie das Gymnasium verlassen hatte. Obwohl sich dies als richtige Lebenswegentscheidung herausstellte, kann sich Wilharm immer noch aufregen über Zeiten, in denen man einem Mädchen, das eine Versetzung vergeigt hatte, nicht sagte: "Jetzt reiß dich zusammen", sondern ihr lieber nahelegte, die Schule nach der mittleren Reife abzubrechen.

Die Ausbildung an der Kunstschule sei in den siebziger Jahren praxisferner gewesen als heute, sagt Wilharm: "Das hatte aber auch sein Gutes. Wir bekamen den Freiraum, Sachen zu machen, die nicht direkt verwertbar waren – und Spiel und Erkundung gehören nun einmal zu einem kreativen Beruf." Deshalb bemüht sich Sabine Wilharm, auch heute manchmal "frei" und ohne Auftrag zu malen, selbst wenn die Auftragsarbeit wenig Zeit dafür lässt. "Ende der achtziger Jahre war mir allerdings klar, dass ich Illustratorin bin und keine Malerin", sagt sie ein wenig melancholisch: "Ein bisschen empfinde ich das immer noch als Defizit."

Die unerfüllte Sehnsucht kann man verstehen – aber als Illustratorin war Wilharms Weg umso gradliniger und erfolgreicher. Sie begann direkt nach der Schule mit Zeichnungen für Kinder und illustrierte zur finanziellen Grundversorgung Nähanleitungen für die Brigitte, zeichnete bald auch für Rowohlt und Oetinger. "Abgesehen davon, dass ich ja van Gogh werden wollte, war das schon mein Wunschberuf", sagt sie. In den achtziger Jahren machte sie vor allem Presseillustrationen, zum Beispiel für das Manager Magazin: "Irgendwann wurde das so viel, dass ich keine Kinderbücher mehr schaffte." Und die Arbeit bewegte sich in einem allzu absehbaren Rahmen: "Buchinhalte geben einfach vielfältigeren Stoff ab." Sie bemühte sich also wieder stärker um erzählende Kinderbücher und zeichnete für den Fischer Verlag ihr erstes eigenes Bilderbuch, dem viele andere folgten: Ein Huhn, ein Ei, viel Geschrei.