V om unsichtbaren Königreiche heißt ein Kunstmärchen des Chirurgen Richard von Volkmann-Leander. Dieser Titel könnte auch als Motto über der neuen 15-bändigen Sammlung fantastischer Geschichten für junge Leser stehen, die die ZEIT- Redaktion ausgewählt hat. In dem Märchen erhält ein junger Mann zum Dank für Hilfe und Beistand vom König der Träume ein tausendfach zusammengefaltetes Tuch: die Landkarte seines höchstpersönlichen Traum-Königreichs. Dort kann er sich nach Lust und Laune bewegen, ohne dass die anderen, die gewöhnlichen Leute, etwas davon merken.

So kann man Bücher sehen: als Königreiche, größere und kleinere, gefährliche und friedliche, solche, die von Trollen, und andere, die von sprechenden Ratten bevölkert sind. Leser können sich in ihnen frei bewegen: Sie werden zwar geleitet durch die Landkarte – den Text –, aber was sie dort erleben, welche Bilder in ihrem Kopf entstehen, ist ganz allein ihre Sache, das müssen sie mit niemandem teilen, das hat niemand im Voraus programmiert und festgeschrieben.

Es macht Freude, solche Königreiche zu entdecken und sie anderen aufzuschließen. Im Jahr 2006 gab die ZEIT eine Kinder-Edition mit Büchern für Fünf- bis Neunjährige heraus. Dabei hatten wir vor allem nach Titeln Ausschau gehalten, die von hoher literarischer Qualität, die zugleich witzig, spannend, gern ein wenig ironisch und natürlich gut zum Vorlesen geeignet sind. Bücher, die Kinder ernst nehmen und sie nicht mit schwachen Figuren und schlechter Grammatik beleidigen. Bücher, die trotz all dieser Vorzüge viel zu schnell vom hastigen Markt verschwunden sind – obwohl doch jedes Kind mit seinem Leben und seiner Lektüre ganz für sich von vorn anfängt.

Freunde, Stundenplan und Fernsehen– alles zerrt an der Lesezeit

Die positive Resonanz auf dieses Projekt weckte unseren Ehrgeiz: Die Kinder-Edition hatte sich an Leser im Grundschulalter gewandt, die gute Bücher (und vorlesende Erwachsene) dringend brauchen, solange ihre eigene Lesefähigkeit ihrer intellektuellen Entwicklung noch hinterherhinkt und die Schullesebücher sie fast notgedrungen geistig unterfordern. Doch diese Phase ist ja nur eine Klippe, an der die Leselust zerschellen kann; um wirklich den Einstieg ins Selberlesen zu schaffen, um Bücher dauerhaft zu mögen, auch wenn nach dem zehnten Geburtstag der Freundeskreis, der wahnwitzige Stundenplan, das Fernsehen, die Computerspiele und die online verchatteten Stunden am Zeitbudget nagen, sind Geschichten nötig, die wahrhaft zu fesseln vermögen. Die die Mühen mit dem längeren Text gegenüber der Bequemlichkeit schnell verfügbarer Bilder lohnend erscheinen lassen. Denn natürlich müssen Bücher, nicht anders als Zeitungen, heute, in Zeiten unendlicher digitaler Alternativen, mehr kämpfen, auch mehr bieten als früher. Wenn sie allerdings gut sind, dann brauchen sie keine Konkurrenz zu fürchten. Einer guten Erzählung, einem aberwitzigen Einfall, einer fremden Welt, freundlicher wie schwarzer Magie, dem radikalen Anderssein der Literatur können sich die wenigsten Menschen entziehen – wenn sie denn überhaupt je damit in Berührung kommen.

Die Fantastischen Geschichten für junge Leser wenden sich nun an Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren – aber etliche Titel werden auch Erwachsene faszinieren. Das ist uns wichtig, nicht nur, um die Erwachsenen zu erfreuen, sondern weil wir darin ein Qualitätskriterium sehen: Kinderbücher, die nur Kindern gefallen (sollen), sind in aller Regel keine guten Kinderbücher. Deshalb kam es uns bei der Auswahl darauf an, dass die Texte ihre Leser möglichst auf mehreren Ebenen ansprechen. Die Mumintroll-Geschichten der finnischen Autorin Tove Jansson etwa können von jüngeren Kindern als aufregende Abenteuer kleiner, durch den Wald wuselnder Wesen gelesen werden – aber manchem 50-jährigen Vater mag sich eine völlig neue Perspektive auf seine Midlife-Crisis eröffnen, wenn er gemeinsam mit dem Mumin-Vater die allzu friedliche Veranda verlässt und sich mit den wilden, verantwortungslosen, Gewitter erzeugenden Hatifnatten auf See begibt. Die Neuseeländerin Margaret Mahy, um ein weiteres Beispiel zu nennen, erzählt in Barneys Besucher einerseits eine vergnüglich-spannende Geschichte über Probleme mit magischen Familienangehörigen – aber ältere Leser werden in ihrem Roman auch die eindringliche Darstellung von Geschwisterrivalitäten und tiefen Kinderängsten finden.

Um die Realität zu ertragen, muss man sie mitunter verlassen