Überall hört man jetzt viel von "elektronischen Büchern", dank deren Textspeichern man gleich ganze Bibliotheken in die Ferien mitnehmen könne. Das ist praktisch, aber sind das noch Bücher oder bloß Abspielgeräte für Buchstaben? Sind Bücher nicht mehr als bloße Textbehälter?

Lucie und Gottwalt müssen es wissen. In ihrem gemütlichen Antiquariat handeln die beiden seit Jahren mit wertvollen alten Büchern. Zwischen uns auf dem Tisch liegt eine gewaltige Bibel, so groß wie ein Koffer und mit massiven Metallbeschlägen. An einigen Stellen haben Bücherwürmer Spuren hinterlassen, doch für ihr Alter hat sich diese Bibel gut gehalten. Im Jahre 1690 ist sie in Nürnberg gedruckt worden. Sie ist also mehr als 300 Jahre alt. Solche Bibeln studierte man früher natürlich nicht im Sessel. Dafür waren sie viel zu schwer, fast wie ein Möbelstück. Sie waren für Gottesdienste gemacht. Davon erzählen auch die rückwärtigen Beschläge, die von den langjährigen Berührungen mit einem Steinaltar abgeschliffen sind.

Was mag dieses Buch alles mitgemacht haben? Wie viele Predigten, Taufen, Trauungen und Trauergottesdienste? Wer hat es am Ende in den Ruhestand geschickt? Staub hat sich zwischen den Seiten angesammelt. Das spricht für friedliche Zeiten, doch in alten Büchern fänden sich auch Glassplitter und Getreidekörnchen, erzählt Lucie. Was mag da geschehen sein? Ein Krieg? Eine Feuersbrunst, die Fenster zerbersten ließ? Was wurde aus den Menschen, die ihre Bücher auf Kornspeichern verstecken mussten?

Anders als "elektronische Bücher" erzählen richtige alte Bücher auch von den Schicksalen ihrer Besitzer. Deren Zeugnisse sind manchmal geheimnisvoller als die Geschichten, die auf den Seiten abgedruckt sind. Allein die Dinge, die in Büchern vergessen wurden, sprechen Bände. Aus solchen Fundstücken hat Lucie eine Sammlung angelegt, die sie den "Magen des Buches" nennt. Darin finden sich liebevoll geflochtene Lesezeichen für die Oma ebenso wie luxuriöse Bonbonpapiere aus den letzten Jahrhunderten. Oft entdeckt man Einladungen, Visitenkarten und manchmal auch Geld.

Von früheren Besitzern zeugen zudem die Buchrücken. Denn Einbände von Verlagen kamen erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Vorher wurden viele Bücher noch nicht fertig gebunden verkauft. Solche Rohware war empfindlich und musste auch bei Wind und Regen befördert werden. Deshalb wurde sie in Fässer verpackt. Die waren wasserdicht, und man konnte sie rollen.

Wohlhabende Käufer ließen ihre rohen Bücher dann nach ihrem Geschmack einbinden. Deshalb sehen die Buchrücken alter Privatbibliotheken so einheitlich aus, als seien sie Teile riesiger Sammelwerke. Wer etwas auf sich hielt, ließ in Leder binden.

Bevor man in Europa im 12. Jahrhundert das Papier entwickelte und im 15. Jahrhundert den Buchdruck, wurden alle wichtigen Texte von Hand auf geschabte Tierhaut (Pergament) geschrieben. Erst 1843, also vor 165 Jahren, wurde die industrielle Herstellung von Papier aus Holz erfunden. Zuvor hatte man es vor allem aus Lumpen gemacht.