Kigali - Schon wieder Kongo. Schon wieder Krieg. Es ist wie ein Déjà-vu, aber die Welt ist in diesen Tagen mit dem globalen Finanzchaos beschäftigt und will gar nicht so genau wissen, was am Kivu-See vor sich geht. Die internationale Gemeinschaft hat doch getan, was sie tun konnte, oder? Sie hat 2006 die ersten demokratischen Wahlen in Kongo unterstützt. Sie hat die größte UN-Friedensmission aller Zeiten dorthin entsandt. Sie hat ein Abkommen zwischen den Konfliktparteien eingefädelt. Und nun wieder diese Bilder: Aufständische im Vormarsch, Blauhelme im Rückzug, Regierungssoldaten, die plündern und vergewaltigen, ein Strom verzweifelter Flüchtlinge.

In der Zivilbevölkerung wächst der Zorn gegen die 17000 UN-Soldaten, die im Rahmen der Operation Monuc Frieden bringen sollten, aber vor den Kriegstreibern zurückweichen. Junge Männer werfen in ohnmächtiger Wut Steine auf die Militärfahrzeuge der Vereinten Nationen – als ob die Blauhelme die Hauptschuld an ihrer Tragödie trügen und nicht der Kriegsverbrecher Laurent Nkunda und sein Congrès National pour la Défense du Peuple (CNDP). Diese Rebellentruppe eroberte Dorf um Dorf und trieb die verwahrloste Regierungsarmee des Kongo wie einen Haufen aufgescheuchter Hühner vor sich her.

General Nkunda und seine Krieger geben vor, in einer Art Vorwärtsverteidigung die ethnische Minderheit der kongolesischen Tutsi zu schützen. Denn in Kivu operieren die übrig gebliebenen genocidaires, die Massenmörder, die 1994, nach dem Völkermord in Ruanda, im Nachbarland Kongo untergetaucht waren. Dort morden und vergewaltigen sie bis zum heutigen Tage weiter; es handelt sich um 15000 Hutu, die sich als Front Democratique pour la Libération du Rwanda (FDLR) reorganisiert haben und ihre Heimat von der Herrschaft der neuen Tutsi-Elite unter Präsident Paul Kagame befreien wollen. Diese Killerhorde, dazu die Nkunda-Rebellen, das marodierende kongolesische Lumpenmilitariat sowie diverse Stammesmilizen – es sind die Chaosmächte, die im Gefolge des unbewältigten Völkermords von Ruanda den Ostkongo in eine Hölle verwandeln.

Der Krieg geht ad infinitum weiter, weil es den Akteuren nicht an Waffen mangelt. Sie finanzieren sich durch die illegale Ausbeutung von Bodenschätzen, die Kivu-Provinzen sind reich an Ressourcen wie Gold, Diamanten oder Coltan. Rohstoffhändler können heutzutage per Satellitenverbindung bei ihren Geschäftspartnern, den Warlords, jederzeit Material bestellen – es ist der globalisierte Handel, der die Mordmaschinerie in Kivu antreibt.

Aber auch die UN-Friedensmission hat ihren Anteil daran, dass die Krisenregion nicht zur Ruhe kommt – durch Untätigkeit und Zauderei. Dabei ist sie mit einem Mandat nach Kapitel VII der UN-Charta ausgestattet, darin heißt es, dass die Blauhelme ihre Ziele notfalls mit Waffengewalt durchsetzen können. Es mangelt ihnen nicht an Material, sondern an Moral und Strategie. Die Monuc hat Gelegenheiten versäumt, Nkunda das Handwerk zu legen, zuletzt bei dessen Überfall auf Bukavu 2004, bei dem seine Schergen Tausende von Frauen vergewaltigten. Seither ist der Ruf der Monuc schwer beschädigt.

Unterdessen hat sich die Lage so zugespitzt, dass Pessimisten einen neuen Krieg zwischen Ruanda und dem Kongo heraufdräuen sehen. Im Grenzgebiet des Nachbarlandes Ruanda marschierten frische Armeeeinheiten auf. In der Hauptstadt Kigali aber wurden alle Anschuldigungen der kongolesischen Regierung, Ruanda plane einen Feldzug, mit einmütiger Heftigkeit zurückgewiesen. Es wäre nicht der erste, schon zwei Mal, 1996 und 1998, sind die Ruander im Kongo eingefallen. Nun bezichtigt Kinshasa Ruanda, General Nkunda und seine Truppe zu alimentieren und eine Invasion vorzubereiten. Ein Vorwurf, der nicht abwegig ist – Militär- und Menschenrechtsbeobachter liefern immer wieder Hinweise auf eine klandestine Zusammenarbeit –, den der ruandische Präsident Paul Kagame im Gespräch mit der ZEIT jedoch forsch zurückweist: "Nkunda und seine Truppe, damit haben wir überhaupt nichts zu tun."

Kagame zieht es vor, über die genocidaires zu reden. "Seit 14 Jahren sind die Völkermörder im Kongo, der internationalen Gemeinschaft ist das bekannt, sie tut aber nichts dagegen", überhaupt "verhätschle" die Weltfamilie Joseph Kabila, den kongolesischen Staatschef, "wie ein kleines Kind", kritisiert Kagame. Sie nehme ihm alles ab. "Aber kann es richtig sein, dass Kabila die Völkermörder in die Armee integriert, um seinen Konflikt mit Nkunda zu lösen? Er hat ein Abkommen unterzeichnet, das vorsieht, sie zu entwaffnen. Doch er tut das Gegenteil – er bewaffnet sie."