Das eigentlich Überraschende am Kapitalismus ist, dass es ihn immer noch gibt. Wie kann ein Gesellschaftssystem jahrhundertelang überleben, wenn es den Menschen zwar Fernseher, Autos und Bierbäuche beschert, alle paar Jahrzehnte jedoch zu spektakulären Zusammenbrüchen neigt? Wenn es regelmäßig Millionen Menschen in Armut und Arbeitslosigkeit treibt, wie in der Weltwirtschaftskrise 1857, nach dem Börsenkrach 1873, in der großen Depression der dreißiger und den Ölkrisen der siebziger Jahre und jetzt, infolge der Finanzkrise, womöglich wieder?

Trotzdem hat sich dieses System bis in den letzten Winkel Sibiriens und in das hinterste indische Dorf ausgebreitet.

Es gibt viele Gründe für den Erfolg des Kapitalismus. Das Scheitern anderer Gesellschaftsformen zum Beispiel. Auch die Tatsache, dass der freie Markt in seinen guten Zeiten so viel Reichtum produzierte, dass auch die Handlanger und Tagelöhner etwas davon abkriegten, dass sie es deshalb vorzogen zu schuften, statt zu schießen.

Ein Grund aber ist wohl wichtiger als alle anderen. Dieser Grund heißt John Maynard Keynes. Der britische Ökonom brachte es fertig, die Linke mit der Marktwirtschaft zu versöhnen. Und immer dann, wenn das Vertrauen in den Kapitalismus schwindet, bietet er die Hoffnung, ihn reparieren zu können.

Es ist in diesen Tagen viel vom neuen Mut der Politik die Rede, in die Wirtschaft einzugreifen. Der amerikanische Finanzminister stellt mehrere Banken unter staatliche Kontrolle. Der französische Präsident fordert eine globale Finanzregierung. Die deutsche Bundesregierung beschließt ein erstes Konjunkturprogramm. Nichts davon haben sich die Regierungen selbst ausgedacht. Wissentlich oder unwissentlich folgen sie den Theorien des John Maynard Keynes.

In der Krise rührte die "unsichtbare Hand" sich nicht

Seine Geschichte beginnt im Herbst 1929. Keynes ist damals 46 Jahre alt, er ist prominent, aber noch nicht weltberühmt. Als Ökonom und Börsenspekulant ist er ein typischer Vertreter des englischen Großbürgertums. Am Eton College ist er zur Schule gegangen, in Cambridge hat er Mathematik und Ökonomie studiert. Danach arbeitete er im britischen Finanzministerium. Nach Ende des Ersten Weltkriegs nahm er als Mitglied der britischen Delegation an den Friedensverhandlungen von Paris teil. In einem Buch sagte er den Zusammenbruch der Weimarer Republik und einen neuen Krieg voraus, das erregte Aufsehen in politisch interessierten Kreisen. Als er eine bekannte Ballerina heiratete, lernten ihn auch die Leser der Klatschspalten kennen. Der Name Keynes war 1929 also ein Begriff, und doch wäre er bald wieder vergessen worden, wären nicht am 24. Oktober jenes Jahres die Kurse an der New Yorker Börse eingebrochen.

Der Schwarze Donnerstag setzt die bis heute größte Krise der Weltwirtschaft in Gang. Rund um den Globus brechen Unternehmen zusammen, Spekulanten begehen Selbstmord, Kinder hungern, Familienväter suchen verzweifelt einen neuen Job, doch die Maschinen stehen still. In den USA steigt die Arbeitslosenquote auf 25, in Deutschland auf 30 Prozent. Was diese Krise aber am meisten von allen vorherigen unterscheidet: Sie hört nicht auf. Die "unsichtbare Hand" rührt sich nicht.