Goma

Am Eingang des Hauptquartiers der Monuc, der UN-Schutztruppe in Kongo, lässt sich ein kongolesischer Soldat von einem fliegenden Händler grellbunte Kinderkleider vorführen, die zum Schutz gegen den allgegenwärtigen Staub in Plastikhüllen stecken. Ein paar Meter weiter sitzt eine Gruppe indischer UN-Soldaten in einem Jeep, auf den ein schweres Maschinengewehr montiert ist. Misstrauisch verfolgen sie das Geschehen vor ihnen: Auf der Straße sind Kinder unterwegs, die schwere Säcke Nahrungsmittel oder Wasserkanister geschultert haben. Langsam senkt sich die Nacht über Goma. Eigentlich sieht alles ganz normal aus, wäre da nicht diese Hast, mit der sich die Menschen bewegen. Und würde der indische Hauptmann nicht ständig mit den Fingern auf der Motorhaube trommeln.

Die Militärs haben nachts ganze Familien hingerichtet

Die Nervosität ist wie ein Fieber, das alle angesteckt hat. Ständig wird über ein Thema geredet: die Truppen des Rebellengenerals Nkunda, die nur sieben Kilometer vor der Stadtgrenze stehen. Wann werden sie angreifen? Werden sie angreifen? Wenn ja, was passiert dann? Tagsüber scheint das Leben seinen normalen Gang zu gehen, Bulldozer planieren die Straßen, Autos und Motorräder holpern über die Schlaglöcher, am Straßenrand verkaufen Händler Zigaretten, Gemüse, Taschentücher. Dazwischen immer wieder Soldaten der kongolesischen Regierungsarmee, die gesenkten Hauptes durch die Straßen gehen. Sie wissen, dass die Menschen sie verachten – tagsüber zumindest. Denn als Nkunda sie letzte Woche angriff, streckten sie sofort die Waffen und liefen davon. Doch die Soldaten wissen auch, dass die Menschen sie nachts fürchten. Auf ihrem Rückzug vor den Truppen Nkundas haben sie die eigene Bevölkerung terrorisiert. Sie haben Dörfer in Brand gesteckt, Hütten mit Granatwerfern beschossen. Sie haben den Flüchtlingen das wenige, was sie retten konnten, geraubt, haben geplündert, vergewaltigt und gemordet. Auch in Goma waren sie nachts unterwegs und haben ganze Familien hingerichtet und Geschäfte ausgeplündert.

Jetzt aber tauchen dauernd Flugzeuge der Monuc aus den Wolken über dem Kivu-See, an dem Goma liegt, auf und landen auf dem Flughafen in der Stadt. Sie bringen neue Truppen, die die Stadt vor einem Überfall durch Nkunda sichern sollen. Von den 11000 Soldaten aus allen Ländern dieser Erde, aus denen sich die Streitmacht der UN zusammensetzte, waren in dieser Region von der Größe Frankreichs bisher nur 7000 Mann stationiert. Nun werden es täglich mehr, doch niemand weiß, ob das ausreicht.

Über die eigene Regierung sprechen die Kongolesen gar nicht mehr, die haben sie längst abgeschrieben.

In einem Lager der Monuc sind einige ehemalige Kämpfer der Hutu-Miliz FDLR zu finden, die sich von dieser Organisation abgewendet haben: zerlumpte Jugendliche, ehemalige Kindersoldaten, die nun lieber ein friedliches Leben führen möchten. Fast könnte man Mitleid mit ihnen haben – wäre da nicht die Tatsache, dass die FDLR–Milizionäre seit Jahren die Bevölkerung terrorisieren, indem sie Frauen vergewaltigen und immer wieder Dorfbewohner massakrieren. Würde die kongolesische Armee entschieden gegen sie vorgehen, wären sie keine Bedrohung. Doch so liefern sie Nkunda Tag für Tag die Existenzberechtigung für seinen Kampf. Die Menschen in Goma fühlen sich wie ein Spielball in einem Minenfeld, keiner weiß, was der morgige Tag bringen wird. In dieser Atmosphäre wird jedes Gerücht innerhalb von Minuten zur Nachricht, die sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Immer wieder wird darüber spekuliert, was Nkunda wirklich vorhat, was sein politisches Ziel ist. Manche Kongolesen glauben, dass er Ostkongo vom Rest des Landes abspalten und zu einer Provinz Ruandas machen will.