Er schreibt so: "Mein Buzzilein", "Mein Herzilein", "Mein liebes gutes Menschenkind", "Mein liebes Marionkind", "Mein liebes, mein braves, mein gutes Marionlein". Sucht der mehr als doppelt so alte Mann die Nähe der jungen Frau oder schon, sich diese Frau vom Leib zu halten? Immer wieder das Hauptwort dieser kranken Liebe: Sorge. "Ich denke viel, lieb und besorgt an dich." Dann das väterlich klingende Lob: "Du hast dich brav gehalten…" "Du schreibst sooooooo reizende Briefe"… "Ich möchte dich lieblich, freundlich, begehrenswert wiederfinden." Und er unterschreibt: "Dein Kopernikus"; "Dein Oscar"; "Umärmel mich." Sie schreibt ihm so: "Lieber guter Kopernikus" oder "Lieber Perni", "Mein lieber süßer Mops", "Mein Gewitterhase (mit feuchtem Kuß)", "mein düsterer Literat". Er schickt mal "tausend Bussis", mal 10000 Küsse", sie revanchiert sich mit "vielen lieben Küßen und 10000 Bussis".

Ein noch kaum bekannter Schriftsteller, der, um die Hitler-Diktatur zu überleben, ein paar Filmdrehbücher verfasst hat, gerät kurz vor Ende des Kriegs in die Gesellschaft von Nazis. An diesem Abend in einem Tennisclub am Starnberger See schämt Wolfgang Koeppen sich dafür, bei den Nazis der Filmbranche überwintert zu haben, und er schreibt (1944): "Jeder Bewohner des Hauses ist auf eine besondere Weise wahnsinnig, und unter diesen Wahnsinnigen gibt es eine Sechzehnjährige, die Tochter eines jetzt als Major eingezogenen Münchner Rechtsanwaltes, die der eigentliche Grund meiner verzögerten Abreise ist… Marion steht vor dem geschlossenen Fenster der großen Terrasse. Ihre blauen Kinderaugen sind dem trügerischen Schein der Unendlichkeit anheimgegeben. Der grellgefärbte Mund in dem blassen Gesicht gibt das Bild, dass Flammen Schnee aufsaugen. Die blutig lackierten Nägel ihrer eigentlich unsympathischen, zornigen, zanksüchtigen, mit Brillanten und Perlen geschmückten Hände klopfen leicht gegen das Glas des Fensters, und das Vibrieren der hellen Scheibe teilt mir sich mit, der ich hinter ihr stehe und seit langer Zeit wieder mein Herz schlagen höre… Marion ist ein Kind, eine Hure, eine Göttin. Wenn ich sie einen Engel nenne, muss ich ihr das Attribut des Bitteren geben: Engel der Verdammten, Engel der Hölle, Engel des Todes."

Da hat dieser Engel des Todes schon seine Flügel über den fast vierzig Jahre alten Mann gebreitet. Wie erinnert er sich an die erste Liebesnacht im Hotel: "Was uns ins Zimmer des Regina trieb, war Verhängnis… Erst brach dein Zorn in Worten wie eine Schlammflut über mich rein; dann machte dein bitteres böses Schweigen den Raum atemlos. Und ich liebte dich, Marion! Du verkrampftest dich in deiner Ablehnung! Und mir wurde die Liebe zu einem Krampf!"

Noch ist dies nicht die Grundtonart ihrer Gespräche in Briefen – doch dieses Grollen wird immer stärker. 1946 noch die Klage aus Reinfeld in Holstein: "Du fehlst mir hier sehr." Daneben, wie nun fast immer, die Sorge: "In welchen Nöten magst du sein, besoffen und nachher weinend", und die immerwährende Versicherung, mit der sich der einsame Autor, der fürchten muss, die alkoholkranke Frau an eine lesbische Geliebte zu verlieren, selbst Mut macht: "Du bist nicht die Braut für diese Zeit, aber du bist die rechte." Nie will Koeppen wahrhaben, dass er sich dem "Engel der Hölle" ausgeliefert hat. "Ich finde, wir sind doch ein gutes Gespann", tröstet sich der realitätsblinde – inzwischen große – Schriftsteller über die häusliche Misere. Zwar haben die beiden seltsamen Kinder, die einander suchen, einander meiden, nie Geld, doch um zu überleben, flieht der Autor in Hotels oder Pensionen, nur um schreiben zu können. Wenn er heimkommt, findet er seine Anzüge im Treppenhaus, die Schreibmaschine zerstört, Manuskripte durcheinander, die Nachbarn verstört, weil die Kindfrau durchgedreht ist. Dass solches (auch finanzielle) Elend noch 1953 geschieht, mag man kaum glauben: Der im Stuttgarter Bunkerhotel kasernierte Koeppen, dort vom Verleger eingesperrt, um endlich seinen großen Roman Das Treibhaus abzuschließen, ist am Ende. Die Herzmedikamente kann er sich nicht leisten und schickt mit der Nachtpost noch ein paar Mark der Geliebten ("Onanier nicht so viel").

Dem hilfsbereiten Redakteur Alfred Andersch, der ihm für den Funk Reisen nach Russland, Amerika, Frankreich ermöglicht – deren Reportagen zum Besten gehören, was Koeppen, unter ungeheurem Druck, geschrieben hat –, gesteht er: "Wir bringen uns gegenseitig um." Der Leser fürchtet, was er 1967 in einem Brief Koeppens an den Verleger Unseld lesen muss, nach einer Lesung in Düsseldorf: "Im Hotel Explosion, Ringkämpfe am Boden um einen Koffer voller Flaschen, Hass, Trostlosigkeit, Gotteshader, Todesverlangen." Danach, zurück in München, der "Einsatz von Rettungskräften… Es erscheinen riesige sture Burschen mit einem Krankenwagen, geborene SS-Männer füllen das Zimmer."

Will man, darf man das lesen? Doch, es ist richtig, dass wir diese nicht für uns bestimmten Schreie hören: Sie erklären, unter welch qualvollen Bedingungen das große Werk des Schriftstellers Wolfgang Koeppen entstanden ist. Niemand wird nach der so faszinierenden wie bedrückenden Teilnahme an dieser liebevoll-zerstörerischen Beziehung Koeppens oft virtuos gleißende Texte lesen, ohne an den Schatten zu denken, unter dem sie entstanden sind.

Wolfgang und Marion Koeppen: "trotz allem, so wie du bist"