Es fängt gut an, richtig gut, mit einer Vermisstenanzeige. "Der Mann, den ich liebe, ist am Sonntag vor zwei Wochen in der Geisterbahn verschwunden" – meldet Magda Burg, eine noch jüngere Frau, der Polizei. Sie wird an den Kriminalhauptkommissar Robert Mandt verwiesen. Mit ihrem "Bekannten Mathias Böhm" sei sie auf der Kirmes gewesen. Als Angestellte des Ordnungsamtes habe sie Freikarten bekommen, und ihr Bekannter sei, weil sie immer schon davor "Angst" gehabt habe, allein Geisterbahn gefahren. Einen Grund für ihre Angst konnte sie nicht benennen. Mit der Gegenfrage, "wissen Sie immer, wovor sie Angst haben", brachte sie allerdings den Beamten in Verlegenheit. Sie sei zum Ausgang für die Wagen gegangen, aber: "Mathias ist aus der Finsternis nicht wieder zurückgekommen." Sie habe gewartet, sei dann um die Geisterbahn herumgegangen, habe einen Hinterausgang gesucht, habe weiter gewartet. "Warum haben Sie so lange gewartet", fragte Robert. "Wer liebt, wartet" – antwortet Magda, den Blick fest auf ihn gerichtet.

Bereits bei diesem ersten Zusammentreffen wird mit flotten Dialogen, hübschen Pointen und guten Beobachtungen eine interessante Konstellation aufgebaut. Die Figuren machen neugierig. Zudem reflektiert sich das handelnde Personal an der vermissten Person. Es wird zur forcierten Selbstdarstellung und Offenbarung provoziert. Uwe Timms Erzählung Am Beispiel meines Bruders verdankte dieser Tatsache ihre Tiefenschärfe. Auch Hans-Ulrich Treichel (Der Verlorene) hat aus dem gleichen Umstand beträchtlichen Gewinn gezogen. Judith Kuckart startet, mit filmischem Blick, vielen harten Schnitten, schnellem Szenenwechsel, ähnlich furios.

Magda, die junge Frau, hat allerdings, wie später ein Kollege Roberts treffend bemerken wird, einen schweren "Schlagschatten", sie wirkt aber trotzdem seltsam attraktiv auf den Kriminalhauptkommissar, der wiederum seit einiger Zeit von seiner Frau getrennt lebt. In dieser Gefühlslage startet die Handlung. Das Personalaufgebot wird fortschreitend erweitert, Nico, eine junge, nebenbei "schreibende" Kollegin des Kommissars kommt hinzu, ebenso Andreas, der ungesund fette Bruder der Frau, die ihren Freund vermisst. Auch die getrennt lebende Frau Roberts spielt ihre Rolle und, natürlich, der Vermisste selber, Mathias Böhm, ein ambitionierter Filmausstatter, der für eine Produktionsfirma arbeitet und gewöhnlich nur weiße Anzüge trägt.

Doch Kuckart kann die Möglichkeiten, aus der Psychologie ihres Personals heraus die Handlung zu entwickeln, nicht nutzen. Sie ist umgekehrt gezwungen, eine Psychologie zu entwickeln, die die Handlung vorantreiben soll. Ihren letzten Roman Kaiserstraße, 2006, hatte sie noch um einen Kriminalfall, den Mord an der Edelnutte Rosemarie Nitribitt, buchstäblich herumgeschrieben. An der toten Prostituierten sollte nämlich der Geist einer Zeit aufleben, der Mief der späten fünfziger Jahre. Die mittelmäßigen Figuren konnten sich davon nie richtig lösen und wurden gerade dadurch interessant. Jetzt aber geht es um einen Fall, der überhaupt erst motiviert werden muss.

Es müssen falsche Fährten gelegt, Spannungsbögen konstruiert und am Ende plausible Lösungen vorbereitet werden. Der Roman verdankt seine Spannung fortschreitend mehr der immer stärker an den Haaren herbeigezogenen Handlung. Die an sich interessanten Figuren, werden zunehmend reduziert – zu bloßen Handlungsträgern. Das vermeintliche Erfolgsrezept erweist sich aber als Flop. Judith Kuckart orientierte sich offenbar an erfolgreichen Kollegen, die sich mit Serienkrimis in die Bestsellerlisten geschrieben haben. Offenbar bedienen solche Bücher das legitime Bedürfnis nach Ordnung und Klarheit. Die Verhältnisse mögen noch so verworren und kompliziert sein, am Ende, das ist dem Genre geschuldet, stehen immer einfache Lösungen.

Wenn es sich zwanglos fügt, mag es angehen. Wenn hingegen die Kamele reihenweise durchs Nadelöhr gezwängt werden, damit die Geschichte einigermaßen aufgeht, fühlt man sich als Leser keineswegs ins Himmelreich versetzt, sondern, um es drastisch zusagen, einfach verarscht. Einfache Lösungen sind nicht einfach zu haben. Hier wurde ein guter Stoff zum Opfer eines schlechten Krimis. Das ist schade, denn erzählen – das kann Judith Kuckart.

Foto: Renate von Mangoldt