Duster, schreibt Greiner, sei es in der Paulskirche geworden anlässlich Anselm Kiefers Friedenspreisrede. Wie traurig, dass Greiner Zusammenhanglosigkeit vermutet, wo er nur selbst keinen Zusammenhang erkennen kann. Dies ist nicht etwa einer von Greiner diagnostizierten mangelhaften Rhetorik Anselm Kiefers anzulasten, nein, dies liegt wohl daran, dass Kiefer aus spiritueller Erfahrung spricht, die nicht verstehen kann, wer sie nicht kennt: Es geht um die Erkenntnis, dass alles, was ist, aus ein und demselben Stoff besteht.

Der Friedenspreis, so Greiner, sei ein Moralpreis, kein Kunstpreis. Friedensförderndes Handeln sei in der großen Kunst selten zu Hause. Ich stimme Greiner darin zu, dass Kiefer missversteht, wer erzieherische Intentionen in seinem Werk vermutet. Doch möchte ich ihn darauf aufmerksam machen, wie Kohlberg die moralische Entwicklung des Menschen beschrieben hat: Moral gestaltet sich anders, je nachdem, welche Entwicklungsstufe ein Mensch errungen hat. Es gibt eine Stufe, auf der der Mensch zur Moral erzogen werden muss, und es gibt jene höhere Stufe, auf der er ein tiefes Mitgefühl entwickelt für alles, was lebt, und alles, was leidet, und auf dieser Stufe wird er nicht mehr moralisieren, sondern aus Mitgefühl heraus handeln. Ich spüre bei Kiefer dieses tiefe Mitgefühl – und freue mich daher, dass ein Mensch den Friedenpreis erhält, der sich dem Dunkel stellt, der es wagt, mitzuleiden, und dessen Werk gerade durch seinen Umgang mit Trümmern ein überraumzeitliches Strahlen entwickelt.

Anka Semmig, Freiburg