Das Vorhaben, eine Pädagogik auf typisch "männlichen" und "weiblichen" Verhaltensweisen und Eigenschaften aufzubauen, scheint mir etwas unzeitgemäß angesichts der erreichten Einsichten in die Komplexität von Anlage und Umwelt. Der Artikel vermittelt zudem den Eindruck, dass die Mädchen schon alles bekommen haben, was sie brauchen – und jetzt sind endlich mal die Jungen dran. Das ist absurd.

Sollen die Mädchen etwa nicht als "machtvoll und überlegen" auftreten, den "sozialen Raum erobern" dürfen? Oder wird davon ausgegangen, dass sie das schon tun? Der Arbeitsmarkt spricht dagegen: Frauen werden nach wie vor bei gleicher oder höherer Qualifikation schlechter bezahlt als Männer. Männer verhandeln sich zu besseren Konditionen und Gehältern als Frauen. Frauen sind extrem unterrepräsentiert in Führungspositionen.

Es ist unbestritten, dass Jungen in Bildungsinstitutionen männliche Vorbilder vermissen, aber brauchen Mädchen nicht ebenso dringend mehr männliche Bezugspersonen? Wir brauchen Geschlechtervielfalt in allen Bereichen unserer Gesellschaft. Das Bildungssystem sollte dafür eine Basis sein. Aber dann müssen wir davon wegkommen, in Geschlechterkategorien, und anfangen, "vom Kinde aus" zu denken, vom Kind als Subjekt. Unsere Kinder suchen Rollenvorbilder und wollen sich auch über ihr Geschlecht definieren. Natürlich wäre es das Beste, könnten wir ihnen Toleranz und Respekt vermitteln, wenn sie ihre Identitäten ausprobieren. Wenn also Jungen wie Mädchen ihre "weiblichen" und "männlichen" Verhaltensweisen freier ausleben dürften. Es gibt ja auch viel weniger stereotype Jungen und Mädchen, als es farbenfrohe Mischungen von beiden Geschlechterstereotypen gibt.

Wie kann es sein, dass auch Wissenschaftler so gerne in unwissenschaftliche Rhetorik verfallen? Ist es ein Trick, Leser zu empören und somit zur Stellungnahme zu zwingen? Dann hat er bei mir funktioniert.

Karoline Bottheim, Stockholm

Es ist keinesfalls so, dass Jungen von der Gesellschaft keine Geschlechtergerechtigkeit erfahren. Die Gesellschaft zeigt ihnen lediglich, dass Aggression und Gewalt keine wünschenswerten Eigenschaften des Miteinanders mehr sind.

Die Autoren wissen außerdem offensichtlich nicht, dass bereits in den fünfziger und sechziger Jahren – als Jungen noch Männer sein durften – Mädchen die besseren Schulnoten hatten. Sie wurden lediglich durch das allein dem Vater zustehende Recht am Besuch weiterführender Schulen gehindert. Das hat damals das Bild verfälscht.