Sind die Bewerber einfach viel intelligenter, als ihnen das deutsche Beamte zugetraut haben? Seit Anfang September müssen Ausländer, die deutsche Staatsbürger werden wollen, den sogenannten Einbürgerungstest bestehen. Die Passanwärter sollen dabei zeigen, dass sie sich mit der Bundesrepublik, ihrer Geschichte, der Verfassung und der Gesellschaft hierzulande auskennen. So hoffen die Innenminister jene Bewerber zu finden, die sich ernsthaft mit ihrer neuen Heimat auseinandersetzen.

Zwei Monate nach dem Start zeichnet sich jedoch eine erstaunliche Tendenz deutlich ab: Für die meisten Bewerber scheinen die Fragen keine Hürde zu sein. Fast 98 Prozent aller Teilnehmer bestehen bislang den Test. So fiel beim ersten Termin in Hamburg nur einer von 49 Kandidaten durch. Zum Teil absolvieren die Bewerber den Test sogar in Rekordzeit: Lediglich drei Minuten brauchte ein Mann in Berlin zum Ausfüllen der Multiple-Choice-Bögen, in Nordrhein-Westfalen benötigte ein Student nur zwei Minuten mehr. Der Gesetzgeber hatte dafür ursprünglich eine ganze Stunde Bearbeitungszeit vorgesehen.

Geprüft werden "Kenntnisse der Rechts- und Gesellschaftsordnung"

Zudem bestehen die meisten Ausländer den Test ohne staatliche Hilfe. An die 1000 Volkshochschulen (VHS) in ganz Deutschland haben Dozenten geschult, Lehrpläne entwickelt und Kurse ins Programm genommen, um einbürgerungswillige Zuwanderer für das Leben in Deutschland zu schulen. Nun zeigt sich: Mangels Teilnehmern kommt kaum ein Kurs zustande – es geht offenbar auch ohne Schulung. In Bayern und Mecklenburg-Vorpommern wird es bis zum Jahresende jeweils gerade mal zwei Kurse geben, in Bremen keinen, in der Millionenstadt München ebenso wenig. Das ergab eine Umfrage unter VHS-Landesverbänden. In vielen ländlichen Regionen warten die Volkshochschulen noch, dass sich überhaupt jemand meldet.

In Hamburg haben die Volkshochschulen bereits auf die fehlende Nachfrage reagiert und bieten nun Dreitageskurse mit 16 statt 60 Stunden an. So sitzt Kunchok Tsündü aus Tibet mit 21 anderen Teilnehmern aus fast ebenso vielen Herkunftsländern in einem Seminarraum im Stadtteil Sternschanze und lernt, warum der Bundespräsident zwar Staatsoberhaupt ist, politisch aber wenig Macht besitzt, und warum Deutschland in den fünfziger Jahren auf italienische Gastarbeiter angewiesen war. Dozentin Gabriele Oberstenfeld spielt dazu das Lied Zwei kleine Italiener vor. Conny Froboess singt: "Eine Reise in den Süden ist für andre schick und fein, doch die beiden Italiener möchten gern zu Hause sein." Die Kursteilnehmer lachen. Mit den Italienern von damals haben sie nur wenig gemeinsam. Viele der Bewerber kamen als Kriegsflüchtlinge nach Deutschland. Zurückkehren wollen sie, wenn überhaupt, nur noch als Besucher.

Auch für Kunchok Tsündü, der aus Tibet floh, als die Chinesen ihn verfolgten, stellt der Test kein Problem dar. "80 Prozent der Antworten wusste ich schon vor dem Kurs", sagt er. Tsündü fühlt sich in Deutschland wohl und sicher, er lernte die Sprache und fand hier eine Freundin. Jeder, der sich für das Land und dessen Geschichte interessiere, könne den Test bestehen, meint der Tibeter. Auch die anderen Kursteilnehmer in Hamburg fühlen sich nicht überfordert. Mit der Sprache haben die meisten mehr Probleme als mit dem Wissen.

"Die Idee des Einbürgerungskurses war theoretisch gut und gut gemeint, sie funktioniert aber nicht", sagt Erich Zehnder, Mitglied in einer Bewertungskommission des Bundesinnenministeriums für den Einbürgerungstest. Zehnder, der für den Landesverband der Volkshochschulen in Rheinland-Pfalz arbeitet, konstatiert: "Das Konzept ist gescheitert." Geplant sei gewesen, dass die Zuwanderer sich mit dem Land auseinandersetzen. Um den Test zu bestehen, reiche Auswendiglernen jedoch aus.