Washington DC

Ouvertüre: Freudentaumel und blankes Entsetzen, Wut, Enttäuschung, Unverständnis… Tiefe Zerrüttung im Innern – und nach den Bush-Jahren nun eine weitere außenpolitische Eiszeit. Schlimmer kann eine neue Präsidentschaft nicht beginnen… Was ist geschehen, wie konnten alle mit ihren Hoffnungen, ihren Träumen und Prognosen so danebenliegen?

Nach dem ersten Schock und der ersten Depression werden die irregeleiteten Meinungsdeuter und Umfrageinstitute auf allen Kanälen nach Anworten ringen. Wie konnte John McCain in sprichwörtlich letzter Sekunde das schier Unvorstellbare gelingen? Gegen alle Widrigkeiten und Trends? Der Mann mit dem eindrucksvollen Überlebensinstinkt ist vor allem eines: ein Trotzdem-Sieger und ein Trotzdem-Präsident. Er gewann trotz George W. Bush und Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin; trotz des Irakkriegs und der größten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren; trotz zahlloser Wahlkampfpannen und allgemeiner Obama-Euphorie.

"Seht her, ich lebe noch, sagt mich nicht tot", dichteten vier Tage vor der Wahl die Washingtoner Kabarettisten Capitol Steps in ihrer Parodie auf John McCain. Sie besaßen das richtige Gespür, der republikanische Präsidentschaftskandidat hat alle Totengräber gefoppt. Für dieses Wunder hatten die Capitol Steps eine simple Erklärung. "Ich bin uncool und weiß", sangen sie.

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In diesen fünf Worten liegt wahrscheinlich der Schlüssel seines Erfolges: Noch sind die weißen Amerikaner in der Überzahl – und überwiegend konservativ. Selbst weiße Demokraten wie Bill Clinton, Al Gore und John Kerry konnten diese Nuss nicht knacken und die Joe Sixpacks Amerikas für sich gewinnen. Jetzt haben sich diese Weißen noch einmal mit aller Macht aufgebäumt gegen die Jungen, die Schwarzen, die hispanischen Einwanderer, die Liberalen, die Großstädter. Sie haben es der neuen Koalition, den Obamanics, gezeigt: "Wir sind noch da – und wenn wir zusammenstehen, haben wir immer noch die Macht!" Die kulturelle Angst hat am Ende überwogen und die Wirtschaftsangst besiegt. Obama, dieser ungediente, elitäre, kosmopolitische Harvard-Zögling steht in den Augen der Joe Sixpacks und Hockey-Moms für alles, was sie ablehnen. Wie begründete noch Joe The Plumber, jener legendäre Klempner aus Ohio, sein Votum für McCain? Nein, nicht allein mit der Steuerfrage. Zwei Tage vor der Wahl sprach der Mann, der mit richtigem Namen Samuel J. Wurzelbacher heißt, was andere nur denken: "Da bleiben zu viele Fragen offen bezüglich Obamas Loyalität zu unserem Land. Seine Ideologie unterscheidet sich völlig von allem, wofür unsere Demokratie steht."

Natürlich steckt in dieser Aussage ein gerüttelt Maß an Rassismus. Aber McCains Sieg lässt sich nicht allein darauf reduzieren. Er besteht aus einer komplizierteren Mischung: aus Angst vor der Globalisierung und dem Verlust der eigenen weißen Mehrheit, aus der Furcht, die Demokraten könnten dem kleinen Mann das Portemonnaie leer räumen, und dem nagenden Zweifel, ob dieser junge Senator den Herausforderungen einer vom Terror bedrohten Nation tatsächlich gewachsen ist. Die vierschrötigen Joe Sixpacks vertrauen das Weiße Haus lieber einem an, der bereits gedient und geschossen hat. Ein schwarzer Kandidat wie der republikanische General Colin Powell wäre bei diesen Wählern wahrscheinlich auf weniger Vorbehalte gestoßen.