So viel Lob, so viel Bewunderung war nie. Da rühmt die New York Times: Europa handele in der Finanzkrise viel klüger als die Vereinigten Staaten, besonnen und umsichtig, kooperativ, wo nötig. Vom "europäischen Augenblick" der Geschichte reden andere; ferne Beobachter betrachten das Regulierungsmodell des alten Kontinents plötzlich mit neuem Wohlwollen. In vielerlei Hinsicht entstehe mit der Union ein Modell, lobt der amerikanische Politologe Parag Khanna und hält den Niedergang der USA dagegen. Europa strahlt hell – aus der Ferne.

Herangezoomt, mitten hinein in die europäischen Regierungszentralen, scheint sich indes das altbekannte Bild zu bieten. Kaum verebbt die erste Schockwelle der Finanzkrise, die Europas Regierungen jäh zu gemeinsamem kreativem Handeln zwang, kehrt der triste Alltag zurück. Da ärgert sich die deutsche Kanzlerin Angela Merkel immer lauter über die spontanen Aktionen ihres Pariser Kollegen. Da stöhnt Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy seinerseits über die spröde Deutsche. Da maulen die Österreicher über die Deutschen und alle zusammen über die Kameraverliebtheit von Kommissionspräsident Manuel Barroso. Europas Regierungschefs streiten sich also wie eh und je, streuen Indiskretionen, missgönnen sich das Flutlicht und bekämpfen ihre unterschiedlichen Konzepte für das Europa von morgen.

Und damit nicht genug, denn zugleich scheint eine noch düsterere Zukunft denkbar. Vom kommenden Jahr an werden, beginnend mit den Tschechen, bis 2013 nur noch nette, aber weltpolitisch komplett irrelevante Staaten die EU-Präsidentschaft halten. Von denen steht zudem noch der eine kurz vor der Selbstauflösung (Belgien), der andere vor dem Bankrott der politischen Elite (Tschechien), und ein Dritter hat den Staatsruin vor Augen (Ungarn). Kurz: Wenn Europas Chefs Dienst nach Vorschrift leisten und die Dinge laufen lassen, glänzt schon bald nicht mehr viel, dann droht die EU bald wieder in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. So zumindest klingen viele Kommentare aus Europa.

Nur wie passt das zusammen? Trügt der Blick aus der Ferne? Oder verhindert die Nähe das treffende Urteil?

Kaum jemand bestreitet noch, dass Europa mitten in der Finanzkrise zusammengefunden und Handlungsfähigkeit bewiesen hat – insoweit stimmt also die Fernsicht. Auch seither machen die Regierungschefs eine ganze Menge richtig – nicht zuletzt auf Drängen von Sarkozy. Der sorgt in seiner Rolle als EU-Präsident dafür, dass endlich neu über den richtigen Mix von Staat und Markt debattiert wird. Er organisiert den gemeinsamen Auftritt der EU auf der Weltbühne: An diesem Freitag treffen sich die Regierungschefs auf seine Einladung hin in Brüssel, um über ihre Ideen für die Reform der Weltfinanzmärkte zu reden. Mitte November wollen sie mit einem gemeinsamen Vorschlag in Washington glänzen.

Ganz nebenbei hat Sarkozy auch noch die Suche nach neuen, schlagkräftigen Entscheidungsmechanismen wieder angeregt – und zwar jenseits der ermüdenden Querelen über den vorerst gescheiterten Reformvertrag. Seit der Franzose sich als Chef einer gestärkten Euro-Gruppe ins Spiel gebracht hat, scheint nichts mehr unmöglich. Plötzlich dürfen Tabus debattiert werden, zumindest wenn die Mikrofone aus sind. Warum nicht über einen starken Mister Euro nachdenken? Warum nicht ein EU-Direktorium gründen? Schon weil die Russen oder die Finanzmärkte nicht warten werden, bis zufällig wieder mal der Chef eines starken Landes Präsident der EU ist, braucht die Union unkonventionelle Lösungen, um handlungsfähig zu bleiben.

Woran das in erster Linie scheitern könnte, zeigt indes der Blick aus der Nähe: Es menschelt zu sehr in Europa – auf eine höchst unangenehme Weise. Im Zentrum steht auch dabei, wen wundert es, Sarkozy. Es war zwar ein Glücksfall, da sind sich die meisten Europäer einig, dass der französische Präsident ausgerechnet jetzt an der Spitze der EU agiert. Beherzt hat er im Kaukasuskrieg vermittelt und schnell in der Finanzkrise reagiert, zum Wohle der Europäer. Und doch geht der Mann seinen Kollegen auf die Nerven. Spätestens seit Sarkozy hat streuen lassen, das er der EU auch nach Ablauf seiner Präsidentschaft Ende Dezember gerne weiter (offiziell als Chef der Euro-Gruppe, aber de facto als heimlicher Präsident) zur Verfügung stehen würde, gärt es in vielen anderen Regierungszentralen. Dabei geben sogar in Tschechien, das im Januar offiziell die EU-Präsidentschaft übernimmt, hinter vorgehaltener Hand einige Politiker zu, dass Sarkozy auf ein echtes Problem hinweist. In Prag steht die Regierung kurz vor ihrer EU-Präsidentschaft vor dem Aus, und der Präsident ist offen europafeindlich. Da wäre der Franzose sicher nicht der schlechtere Lenker.