Michael Föllmer sucht nach Worten. Er will erklären, wie aus ihm, dem angesehenen Allgemeinmediziner in der niedersächsischen Kleinstadt Uelzen, ein verurteilter Straftäter wurde. Er habe Süchtige vom Heroin abbringen wollen, sagt er, und dass er alles richtig habe machen wollen. Vier Jahre Haft hat ihm das eingebracht, wegen gewerbsmäßiger Abgabe von Betäubungsmitteln, unbegründeter Behandlungen und zu hoher Dosierungen. "Ein Arzt ist kein Jurist, und ein Jurist ist kein Arzt", sagt Föllmer.

Föllmer sitzt in der Küche der Familie Fredrich. Birgit und Malte Fredrich haben ihn während des Gerichtsverfahrens unterstützt. Nun versucht Föllmer, seinen Freunden Mut zu machen. Denn auch Malte Fredrich wird bald vor Gericht stehen. Er ist ebenfalls Hausarzt in Uelzen, mit seinem Vater betrieb er eine Gemeinschaftspraxis. Wie Föllmer behandelten die Fredrichs Heroinsüchtige, verschrieben die Ersatzdroge Methadon und andere Opiate. Substitution heißt der Fachbegriff. Wenn Abhängige das Medikament schlucken, verlangt ihr Körper kein Heroin, sie können ein fast normales Leben führen, sie können zur Arbeit gehen, für Freunde und Verwandte sind sie berechenbar und verlässlich. Methadon auf Rezept verhindert Beschaffungskriminalität und senkt die Zahl der Drogentoten. Rund 65000 Heroinabhängige bekommen derzeit in Deutschland Methadon verschrieben.

Wenn es um Drogen geht, schaut der Staat genau hin. Die Verschreibung von Opiaten ist streng reglementiert. Das Betäubungsmittelgesetz, eine mehr als hundert Seiten lange Richtlinie der Bundesärztekammer, und die Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung geben vor, wie Ärzte sich verhalten müssen. Michael Föllmer und Malte Fredrich arbeiten seit Jahren in diesem Bereich und haben zahlreiche Änderungen der Gesetze erlebt. Sie besuchten Fortbildungen, lasen Fachmagazine und berieten sich mit anderen Medizinern. Beide sagen, dass sie versucht hätten, die Gesetze zu befolgen – doch Ärzte sind keine Juristen.

Die Staatsanwaltschaft warf Föllmer vor, seine Patienten nicht ausreichend untersucht und ihnen ohne Therapiekonzept Methadon überlassen zu haben. Auch habe er die Einnahme der Ersatzdroge nicht überwacht und den verbotenen Nebenkonsum von Kokain oder Heroin nicht durch Urin- oder Blutproben kontrolliert. Außerdem soll Föllmer seinen Patienten "in sehr großen Mengen Substitutionsmittel mit nach Hause gegeben" haben. All das sei vorschriftswidrig, mithin keine ordnungsgemäße Behandlung – und darum seien seine Abrechnungen mit den Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung Betrug. So kam eine lange Liste vermeintlicher Straftaten zusammen. Fredrichs Anklage klingt in vielen Punkten gleich. Eine Lokalzeitung schrieb über "Dealer in Weiß".

Die beiden Uelzener Ärzte sehen vieles anders als die Juristen. Sie glauben, dass auch eine Helferin die Droge ausgeben dürfe, nach Anleitung durch den Arzt. Substitutionsmediziner in anderen Bundesländern verfahren so. Und auch die sogenannte Take-Home-Verordnung, die Medizinern unter strengen Auflagen erlaubt, Patienten Methadon für mehrere Tage mit nach Hause zu geben, legen Föllmer und Fredrich anders aus als die Staatsanwälte. Auf dem Land könnten Patienten nicht jeden Tag in die Praxis kommen, argumentieren sie, die Wege seien zu weit. Deswegen, sagen die beiden, hätten sie zuverlässigen Patienten Methadon für mehrere Tage mitgegeben.

"Dem Missbrauch der Substitutionsbehandlung sei Tür und Tor geöffnet worden", schreibt die Staatsanwaltschaft Lüneburg über den Fall Föllmer. Seit August 2007 ist er in der Justizvollzugsanstalt Lingen inhaftiert. Schuldig in 1164 Fällen, urteilte das Landgericht Lüneburg. Weil seine Frau schwer krank ist, durfte er das Gefängnis kurz verlassen.

Malte Fredrich saß bereits drei Wochen in Untersuchungshaft, ihm wurde die Kassenzulassung entzogen, zuletzt auch die Approbation, sodass er nun auch Privatpatienten nicht mehr behandeln darf. Am Landgericht Lüneburg liegt nun die Anklageschrift vor. Die Verhandlung soll demnächst beginnen. Michael Föllmer, Malte Fredrich und dessen Vater sind nicht die einzigen Substitutionsmediziner, die in Niedersachsen angeklagt wurden. Nirgendwo sonst in Deutschland gehen Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigung und Justiz so streng mit Substitutionsmedizinern um wie in Niedersachsen. Gegen fast hundert Ärzte wurde ermittelt, vier Mediziner wurden zu hohen Haftstrafen verurteilt, weitere Strafverfahren stehen an.

Mit wem man auch zum Thema Substitution in Niedersachsen spricht, immer wieder fällt der Name Peter Scherler. Er leitet die Untersuchungsgruppe Falschabrechnung, die von der AOK und anderen Kassen getragen wird, er war persönlich bei Durchsuchungen von Substitutionspraxen dabei – auch in Uelzen. Er unterstützt die Staatsanwaltschaft bei den Ermittlungen, verhörte Ärzte. Dass er den Behörden helfe, sei ganz normal, sagt Scherler.

Auch Michal Föllmer hat mit Scherler gesprochen und sogar, wie er berichtet, auf seinen Rat hin einen bestimmten Anwalt engagiert.

Unterstützung fand die Staatsanwaltschaft auch beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) in Niedersachsen – der von der AOK und anderen Kassen finanziert wird. Dort arbeitet der Experte, auf dessen Gutachten sich die Anklage berief. Die Nähe des Gutachters zur AOK könnte man als Hinweis auf einen Interessenkonflikt deuten. Denn die Kasse sieht sich in den Verfahren gegen die Uelzener Ärzte als Geschädigte. Doch aus Sicht der Staatsanwaltschaft ist der Mann vom MDK ein sachverständiger Zeugen. Anders als etwa ein Gutachter kann er darum nicht wegen Befangenheit abgelehnt werden.

Kann ein Arzt bei einer Methadonbehandlung alle Regeln befolgen? In der Substitutionsmedizin gebe es mehr Regeln "als in jedem anderen Bereich der Medizin", sagt Detlef Haffke von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) – so viele, "dass die Anforderungen in der Praxis kaum umzusetzen sind".

Die beiden Uelzener Mediziner sehen sich als Opfer einer Kampagne der Krankenkassen gegen die teure Substitutionsmedizin. "Sie haben einen gesellschaftlichen Auftrag angenommen, hart dafür gearbeitet und werden nun kriminalisiert und von allen offiziellen Seiten allein gelassen", klagt Birgit Fredrich. Fünf Kinder hat das Ehepaar, der Mutter fällt es schwer, ihnen zu erklären, warum der Vater vor Gericht stehen wird. Denn Malte Fredrich war immer für seine Patienten da, er fuhr auch in der Nacht und am Wochenende los, wenn jemand Probleme hatte. Seine Frau sammelt Dankesbriefe von Patienten, die Fredrich nun nicht mehr behandeln darf.

Auch Föllmer rieb sich für seine Patienten auf. Er ist 52 Jahre alt, sieht aber 15 Jahre älter aus. Vor seinem Prozess brach er psychisch zusammen und wurde in eine Klinik eingewiesen. Sein Anwalt, den er sich auf Rat seines Widersachers von der AOK gesucht hatte, handelte mit der Staatsanwaltschaft einen Deal aus: vier Jahre Haft für ein umfassendes Geständnis. Entlastende Zeugen oder ein Gegengutachten gab es nicht. Staatsanwaltschaft und Richter hätten sein Konzept nicht verstanden, sagt Föllmer. Er habe für jeden Patienten einen Therapieplan erstellt und seine medizinische Vorgeschichte dokumentiert. Juristen sind keine Ärzte.

"Ich habe mir eigentlich nichts vorzuwerfen", sagt Malte Fredrich. Er hat kein Methadon verkauft, niemanden abhängig gemacht, kein Patient sei zu Schaden gekommen. Dennoch droht auch ihm eine Haftstrafe von mehreren Jahren. Doch anders als sein Kollege Föllmer will Fredrich sich wehren und, wenn nötig, bis zum Bundesverfassungsgericht ziehen. Er hofft, außerhalb Niedersachsens auf mehr Verständnis zu stoßen.