Was genau in der Nacht des 28. August 2008 an einem Checkpoint unweit von Kundus im Norden Afghanistans geschah, wird sich vielleicht nie klären lassen. Fest steht nur, dass es am Ende drei Tote gab, eine Frau und zwei Kinder. Erschossen, das räumt die Bundeswehr ein, mit deutschen Waffen.

Ein tragischer Irrtum – mit massiven Folgen für die Bundeswehr, in Afghanistan wie daheim. Bislang haben die deutschen Soldaten am Hindukusch Opfer unter der Zivilbevölkerung weitgehend vermeiden können. Das trug zu ihrem guten Ruf bei. Jetzt könnte das Bild kippen. Nur Stunden nach den Schüssen ließ Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU) daher in Berlin sein Bedauern über den Vorfall kundtun. Hastig wurde mit dem Clan der Getöteten eine Entschädigung ausgehandelt, Jung entschuldigte sich persönlich beim afghanischen Präsidenten Hamid Karsai für den Tod der drei Zivilisten, um die explosive Stimmung zu besänftigen.

Gleichzeitig begann in Kundus eine Gruppe von Feldjägern, der deutschen Militärpolizei, mit der Untersuchung des Zwischenfalls. Am Checkpoint wurden Spuren gesichert, Zeugen befragt, die Tatwaffe wurde sichergestellt. Und gut fünftausend Kilometer von Kundus entfernt, in Frankfurt (Oder), ermittelt nun die Staatsanwältin Anette Bargenda gegen einen Oberfeldwebel der Bundeswehr, den potenziellen Schützen. Den Krieg in Afghanistan hat die 54Jährige bislang nur im Fernsehen verfolgt, wie die meisten Deutschen. Jetzt liegt ein Moment dieses Krieges bei ihr auf dem Schreibtisch in der Logenstraße 8, fein säuberlich zwischen Aktendeckeln abgeheftet.

Die Staatsanwältin hat schon viele Fälle bearbeitet, Schreckliches darunter wie Säuglingstötungen. Aber Krieg ist neu. Für Bargenda wie für das ganze Land. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundeswehr wird gegen einen Soldaten wegen der Tötung von Zivilisten im Ausland ermittelt. Das Gesetz verpflichtet die Staatsanwältin dazu, denn das deutsche Strafrecht gilt auch für deutsche Truppen im Ausland, ganz gleich, wo sie im Einsatz sind.

So weit es sich bislang rekonstruieren lässt, kamen an jenem 28. August zwei Wagen aus der Dunkelheit und näherten sich der Straßensperre, an der Bundeswehreinheiten und afghanische Soldaten gemeinsam den Verkehr kontrollierten. Die Stimmung sei angespannt gewesen, heißt es, stärker noch als sonst. Am Tag zuvor war ein Hauptfeldwebel auf Patrouille in einer Sprengfalle getötet worden. Die beiden Fahrzeuge, so wird berichtet, seien langsamer geworden, wie vorgeschrieben. Doch dann, plötzlich, habe einer der Wagen, ein Kleinbus, beschleunigt und alle Haltesignale ignoriert, auch die Warnschüsse.

Hundert Meter von der Straße entfernt, habe der 27-jährige Oberfeldwebel den Vorfall durch sein Nachtsichtgerät beobachtet. Gemeinsam mit einem Kameraden saß er auf einem "Dingo", einem gepanzerten Transportfahrzeug mit Maschinengewehr. Laut Weisung ist von einer bestimmten Distanz an das Feuer auf Autos zu eröffnen, die nicht stoppen. "Ich gehe davon aus, dass mein Mandant an einen Anschlag geglaubt hat", erklärt sein Anwalt Klaus Lübke. Dann fielen die Schüsse. Der Kleinbus stoppte. Doch drinnen saßen keine Terroristen, sondern Zivilisten.

Was ist das nun? Ein Kollateralschaden, wie es in der Sprache der Militärs heißt? Oder, in der Diktion der Juristen, fahrlässige Tötung? Totschlag gar? Staatsanwältin Bargenda schweigt. Sie will zu dem laufenden Verfahren nichts sagen. Nur so viel: "Es ist noch offen, ob Anklage erhoben wird."