"Für ein solches Verfahren gibt es keine Rechtsgrundlage", bemängelt van Essen, selbst Jurist. Für eine gerechte Beurteilung sei es wichtig, dass die Ermittlungsbehörde mit der besonderen Situation der Bundeswehr vertraut sei. Die Gefahr eines Freibriefs für die Missetäter sieht van Essen nicht. Im Gegenteil: "Je weniger ein Staatsanwalt die Dinge durchschaut, desto eher stellt er das Verfahren ein."

Kritisiert wird zudem die Ermittlungstätigkeit am Tatort. Bundeswehrjuristen und Feldjäger sichern den Tatort. "Sie sind jedoch zugleich für das Disziplinarverfahren zuständig", sagt van Essen. Gegen eine solche Vermischung spricht, dass der Beschuldigte im Strafverfahren schweigen darf, im Disziplinarverfahren aber aussagen muss. "Wir brauchen am Einsatzort unabhängige Ermittler der Staatsanwaltschaft, die nicht in die militärische Befehlskette eingebunden sind", so van Essen.

Hinter solchen Detailfragen lauert eine andere, viel brisantere Überlegung: Braucht die Bundesrepublik womöglich eine eigenständige Militärgerichtsbarkeit, wie es sie in allen anderen westlichen Staaten gibt, deren Soldaten im Ausland kämpfen? Das Grundgesetz lässt die Errichtung von Militärgerichten ausdrücklich zu, für den "Verteidigungsfall" und für Auslandseinsätze der Bundeswehr. Es hat sogar bereits Übungen mit solchen Gerichten gegeben, die Roben für die Militärrichter wurden schon genäht.

Dass sie Afghanistan nicht kennt, stört die Staatsanwältin nicht

Vorteil einer solchen Militärjustiz wäre die räumliche Nähe zur Truppe. Ermittlungen, Anklage und Verteidigung übernähmen Militärs. Mangelndes Verständnis der Einsatzsituation wäre so wenig ein Problem wie der Rechtsschutz für die Beschuldigten. Eher drohte übermäßige Milde gegenüber den eigenen Kameraden.

Aber an die Errichtung einer eigenen Militärjustiz denkt in Deutschland niemand. Das Thema ist viel zu heikel. "Militärgerichte sind heute noch ein absolutes Reizwort", sagt Reinhold Robbe. Unweigerlich weckt es düsterste Erinnerungen an Standgerichte. An massenhafte Erschießungen junger Deserteure. An "furchtbare NS-Juristen" wie den Marinerichter Hans Filbinger, später Ministerpräsident von Baden-Württemberg, der noch kurz nach Kriegsende Urteile wegen "Gehorsamsverweigerung" verhängte. Ein Sonderrecht für Soldaten würde zudem dem Leitbild des "Staatsbürgers in Uniform" widersprechen, das die Bundesrepublik hartnäckig pflegt. "Ich glaube nicht, dass die Ereignisse in Afghanistan eine Militärgerichtsbarkeit notwendig machen", sagt Verteidigungsstaatssekretär Kossendey.

Auch Anette Bargenda vertraut auf das Prozedere der Strafprozessordnung. Dass sie Afghanistan nicht kennt, dass sie nicht dorthin reisen kann, irritiert die Staatsanwältin überhaupt nicht. Sie sei es gewohnt, sich mithilfe von Akten, Zeugen und Sachverständigen ein Bild zu machen. "Ich bin keine Ärztin, ich habe nie in einem Krankenhaus gearbeitet, und trotzdem kann ich entscheiden, ob ich Anklage gegen einen Mediziner erheben muss." Genauso werde sie auch jetzt vorgehen.