Washington D. C. - So voller Seelenruhe, so gewiss seiner selbst, so gewiss seines Landes steht er da. Als stünden da nicht weit über hunderttausend Menschen vor ihm in dieser Nacht im Grant Park von Chicago. Als hätte ihn nicht eben der 43. Präsident der Vereinigten Staaten angerufen, ihm zur Wahl zum 44. Präsidenten gratuliert und ihn mit seiner Familie zu einem baldigen Besuch ins Weiße Haus eingeladen. Und als blickten nicht genau jetzt hundert oder auch zweihundert Millionen Amerikaner auf sein Gesicht. Barack Obama ist ganz bei sich in dem Moment, in dem er endgültig der Welt gehört.

"Dieser Sieg allein ist nicht der Wandel, nach dem wir streben." Der President-elect, wie sie ihn hier nennen, hat kaum seinen Mitstreitern gedankt – seinem Vize Joe Biden, seinem Chefstrategen David Axelrod, seiner Ehefrau Michelle und seinen zwei kleinen Töchtern Malia und Natasha (denen er zum Einzug ins Weiße Haus einen Hundewelpen versprach) –, da schlägt er den ersten großen Bogen seiner Präsidentschaft: Ja, wir sind weit gekommen, aber wir stehen erst am Anfang. "Dieser Sieg allein ist nicht der Wandel, nach dem wir streben."

Ein Schwarzer im Weißen Haus, das heißt: Amerika stellt sich seiner Geschichte – und schreibt Geschichte. Aber in einem Moment gewaltiger wirtschaftlicher, politischer und moralischer Erschütterung, vielleicht in einem der schwersten Augenblicke überhaupt, übernimmt auch ein Mann die Geschicke, der nicht weniger will, als die Welt zu verändern. Die USA haben radikal mit George W. Bush und den Republikanern gebrochen. Die Mehrheit der Demokraten im Kongress ist überwältigend, die politische Landschaft auf Jahre, vielleicht auf ein Jahrzehnt hinaus durcheinandergewirbelt. Größer und revolutionärer kann ein Sieg kaum ausfallen. Doch der Mann an der Spitze will nicht innehalten.

Seit Barack Obama an einem Februartag vor mehr als einem Jahr auf den Stufen des Kapitols von Springfield, Illinois, seine Präsidentschaftskandidatur verkündete, ist er auf dem Weg. Fünf Millionen Helfer sind in diesen 21 Monaten für ihn werbend durch die Bundesstaaten gezogen, haben in Hitze und bei Regen an Haustüren geklopft. Gerade die Jungen haben dank seiner die Politik wiederentdeckt und hegen neue Hoffnung. Joe Klein, der große, alte Beobachter amerikanischer Wahlkämpfe, muss sein Buch umschreiben: Politics lost hieß es, doch die Politik ist nicht verloren, sondern 2008 so machtvoll zurückgekehrt, wie es vor Jahresfrist noch unvorstellbar schien.

Seit John F. Kennedy hat kein Präsidentschaftskandidat mehr so viel Zuversicht und Begeisterung hervorrufen können. Obama ist es gelungen, eine neue, zukunftsträchtige Koalition aus Afroamerikanern und Hispanics, aus Arbeitern und aufgeklärtem Bürgertum zu schmieden und mit ihr weit auf angestammtes Republikanerterrain vorzustoßen. Amerikas Gesicht bis hoch hinauf ins Oval Office ähnelt jetzt immer stärker seiner eigenen Zukunft – und dem Weltgesicht.

Zwei Kriege, die schlimmste Rezession seit 80 Jahren, ein gewaltiger Schuldenberg und der Ansehens- und Machtverlust Amerikas inmitten einer sich rasant verändernden Welt – belastender könnte das Erbe für den 44. Präsidenten kaum sein. "Doch gerade schwere Zeiten", sagt David Abshire, "haben oft außergewöhnliche Staatsführer hervorgebracht: George Washington in der Geburtsstunde der Vereinigten Staaten, Abraham Lincoln, als Einheit, Verfassung und Moral Amerikas auf dem Spiel standen, Franklin Delano Roosevelt, der sein Land erfolgreich aus der Großen Depression und durch den Zweiten Weltkrieg führte." Wie kein Zweiter hat Abshire die Höhen und Tiefen vergangener Epochen im Weißen Haus studiert. Der 82-Jährige mit dem breiten Südstaatenslang ist Chef des renommierten Zentrums für Studien der Präsidentschaft und beriet Ende der achtziger Jahre Ronald Reagan, der das Ende des kommunistischen Weltreichs zu besiegeln half, aber auch fast über die Iran-Contra-Affäre gestürzt wäre.

Ein fast zweijähriger Wahlkampf liegt hinter Barack Obama. An dessen Ende waren sich rechte wie linke Beobachter einig: Dieser Wahlkampf hat einen exzeptionellen Kandidaten und Sieger hervorgebracht, einen, der durchaus das Format haben könnte, in den Olymp der Washingtons, Lincolns, Roosevelts und Kennedys aufzusteigen.