Jene, die am längsten auf diesen Tag hingearbeitet haben, können es bis zum Schluss nicht glauben: Amerikas Veteranen der Bürgerrechtsbewegung mögen noch Stunden nach dem endgültigen Wahlergebnis nicht fassen, was sich ereignet hat. Ein junges schwarzes Ehepaar ist auf dem Weg ins Weiße Haus. Vom Alter her könnten es ihre Kinder sein – und in gewisser Hinsicht sind sie es auch.

Barack Obama ist Jahrgang 1961, Michelle Obama wurde 1964 geboren. Man muss ein paar Bilder und Schlagzeilen aus diesen Jahren hervorziehen, um das Staunen der älteren Afroamerikaner zu verstehen. 1961 hat John F. Kennedy gerade sein Amt angetreten, in Alabama setzt ein weißer Mob einen Bus mit Bürgerrechtlern in Brand, die nur knapp dem Tod entkommen. In Mississippi berichten schwarze Demonstranten nach ihrer Freilassung aus dem berüchtigten Parchman-Gefängnis von Schlägen und Elektroschocks. 1964, im Geburtsjahr von Michelle Obama, erhält Martin Luther King jr. den Friedensnobelpreis, in Mississippi werden drei junge Bürgerrechtler vom Ku-Klux-Klan ermordet, in Washington unterzeichnet Präsident Lyndon B. Johnson gegen massiven Widerstand im Kongress den Civil Rights Act, das bis dahin schärfste Gesetz gegen rassische Diskriminierung. In den Schwarzen-Ghettos brechen die ersten Aufstände aus. In New York fragt eine Fotografin den Jazzmusiker Miles Davis nach seinen drei größten Wünschen. "To be white!", antwortet er. "Weiß zu sein!"

All das liegt ein halbes Leben zurück. Nicht lange genug für die Altvorderen des Civil Rights Movement, von denen heute einige prominente Politiker sind. Viele von ihnen hatten während des Vorwahlkampfs Hillary Clinton unterstützt, weil ihnen die Vorstellung eines schwarzen Präsidenten einfach zu kühn, zu vermessen erschien. Ein Schwarzer im Amt eines Gouverneurs – ja, das war inzwischen möglich. Ebenso schwarze Mitglieder des Kabinetts, vielleicht sogar ein Vizepräsident mit dunkler Hautfarbe. Aber ein Präsident? Colin Powell, der als erster Afroamerikaner realistische Chancen auf einen Wahlsieg gehabt hätte, verwarf diese Idee 1996, weil seine Frau nach anonymen Drohungen um sein Leben fürchtete. In dreißig Jahren, dachte man, wäre das Land vielleicht reif. Doch plötzlich kam wie aus dem Nichts dieser schlaksige, junge Kerl mit dem Mandela-Lächeln und dem muslimischem Namen und drückte im Lauf der Geschichte auf die Vorspultaste.

Nun hat Amerika seinen ersten schwarzen Präsidenten, der in Wahrheit ein weiß-schwarzer Präsident ist. Und die Welt hat, zumindest für einen Moment, "ihr" Amerika zurück: Von George W. Bush zu Obama, vom Saulus zum Paulus, von der kriegstreibenden Supermacht zum Anführer des ökologischen Umbaus. Ob und wie Obama diese enormen Erwartungen erfüllen wird, daran mag man in den nächsten Monaten noch genug zweifeln. Zunächst einmal verschlägt einem die symbolische Wucht dieses Sieges den Atem.

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Noch nie hat eine Präsidentschaftswahl in solch dramatischer Weise dem Mythos der Wiederauferstehung entsprochen, jenem uramerikanischen Glauben, wonach sich jeder, auch die eigene Nation, nach dem Sturz ins Bodenlose wieder aufrappeln und neu erfinden kann. Um es mit den eher prosaischen Worten der amerikanischen Fernsehkomikerin Sarah Silverman zu sagen: Amerika hat sich in nur einer Wahlnacht vom "asshole of the universe" in ein Land der Politikbegeisterten mit einem "Weltpräsidenten" verwandelt. Das ist die globale Wirkung dieses Wahlsiegs, die womöglich bald verpufft. Die inneramerikanische geht viel tiefer.

Die Sehnsucht nach dem Neuanfang hätte auch Hillary Clinton erfüllt – aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Als erste Frau an der Spitze der USA wäre auch sie eine Sensation gewesen, aber keine weltpolitische Neuheit. Mächtige Regierungschefinnen hat es schon häufiger gegeben. Und die Emanzipation der Frauen ist keine spezifisch amerikanische Errungenschaft.

Obama symbolisiert eine für Amerika sehr viel schmerzvollere Geschichte. Der Mann hat sich im Wahlkampf souverän als post-racial candidate präsentiert. Nun ist er vor allem eines: der erste Schwarze im Weißen Haus, der erste Präsident, dessen Anblick jeden an die Geschichte des Rassismus erinnert. Also daran, dass Amerikas Heilsversprechen von Freiheit und dem ungehinderten Streben nach Glück immer wieder gebrochen wurde und neu erkämpft werden musste. Obamas Wahlsieg fällt in eine Zeit, da Amerikas Status als Supermacht auf fast allen Feldern schwindet und der gekränkt-trotzige Anspruch auf ewige Unfehlbarkeit umso verführerischer wirkt. Ausgerechnet jetzt aber haben sich die Amerikaner einen Präsidenten gewählt, dessen Hautfarbe die Fehlbarkeit ihres Landes vergegenwärtigt. Darin liegen das eigentliche Wunder und Bewundernswerte dieses 4. November 2008.

Natürlich haben bei diesem Sieg auch andere Faktoren eine Rolle gespielt: Wirtschaftskrise, Irakkrieg und das cholerische Temperament seines Gegners John McCain.Aber am Ende gab Barack Obamas Umgang mit der Rassenfrage den Ausschlag. Seine Biografie hat ihm dabei wie ein Schutzschild gedient. Der Vater ein Schwarzer, die Mutter eine Weiße – damit ist er in beiden Gemeinschaften verwurzelt und gleichzeitig Sinnbild für die zunehmende multiethnische Mischung Amerikas. Er ist der Sohn eines kenianischen Stipendiaten, nicht der Nachfahre von Sklaven. Für viele Weiße wurde Obama überhaupt erst wählbar, weil er sie nicht qua Herkunft sofort mit der Ursünde der Sklaverei konfrontiert. Wichtiger noch: weil er im Wahlkampf souverän und mutig genug war, sowohl die Verbitterung der Afroamerikaner als auch die Ressentiments vieler weißer Landsleute ernst zu nehmen. Er kennt beides aus eigener Erfahrung und aus der eigenen Familie: Von seiner weißen Großmutter, die sich auf der Straße vor schwarzen Männern fürchtete, und aus seiner Zeit als Sozialarbeiter in den Ghettos von Chicago. Damals, in den achtziger Jahren, erschienen erste Zeitungsberichte über systematische Folter an Afroamerikanern in Chicagoer Polizeirevieren, über weiße Staatsanwälte, die schwarze Angeklagte unter dem Motto "niggers by the pound" auf eine Waage stellten und wetteiferten, wer am meisten "Lebendgewicht" hinter Gitter brachte.