Columbus (Ohio)/Washington

Es war der zweite Wahlsieg, die andere große Stunde Amerikas in dieser Nacht: John McCains Rede, mit der er vor seinen Anhängern in Arizona Barack Obama Wahlsieg gratulierte. Der Verlierer wendete seine Niederlage ins Große und Richtige, er proklamierte Obamas Sieg als Erfüllung des Amerikanischen Traums, als Abschluss einer Unrechtsgeschichte, unter der die Schwarzen des Landes gelitten haben – und die ein Makel für ganz Amerika gewesen ist, ein tiefer Schatten auf dem Glanz seiner Ideale. Dass dies ein Ende hat, so McCains Botschaft, ist ein Grund zu vorbehaltloser Freude, Punktum. Er nahm die Unterlegenen der Wahl in das Hochgefühl des Augenblicks hinein und ließ sie sich darin wiedererkennen: als Teil einer einigen, unvergleichlichen Nation, der einzigen, in der eine Geschichte wie die von Barack Obama möglich ist.

An der Unruhe im Publikum ließ sich spüren, dass diese Großzügigkeit nicht selbstverständlich war, wie groß das Risiko doch ist, dass Obama der Präsident der einen wird und für die anderen ein Fremder bleibt, wenn nicht eine Provokation. McCain muss diese Gefahr genau gesehen haben, und er hat sich mit voller Bewusstheit dagegengestellt. Er hat alles getan, um den neuen Präsidenten und sein altes Volk zusammenzuführen.

Seit Jahren gelten die Vereinigten Staaten als eine politisch zerrissene Nation, zwischen fortschrittlicher Küste und konservativem Herzland, zwischen Frommen und Säkularen, mit Links und Rechts als verfeindeten Stämmen, die sich von ihren ideologisch stubenreinen Lieblingsfernsehkanälen anfeuern lassen und eine politische Hassliteratur hervorgebracht haben, die man in jeder Buchhandlung mit Befremden ausliegen sieht. John McCain und Barack Obama haben sich Dienstagnacht versöhnlich die Hände gereicht – wie gespalten oder wiedervereinigt gehen die USA in die neue Zeit, die in jener Nacht begonnen hat?

Der Wahlkampf war zum Schluss bitter geworden. Als John McCain am vergangenen Freitag, an Halloween, seinen großen Auftritt in der Football-Arena von Columbus hatte, der Hauptstadt des heftig umkämpften swing state Ohio, sah man einen Zornigen auf dem Weg in die Niederlage. Die Halle war nett dekoriert, das Publikum keine rechten Schreihälse, sondern entspannte Familien mit kleinen Kindern und Paare vom College- bis zum Rentenalter. Aber der Kandidat war keine Freude: erschöpft und aggressiv zugleich, monoton in seiner Botschaft (Steuern runter) und obsessiv in seiner Polemik (Obama ein unamerikanischer Umverteiler und Sozialist). Und die Leute ließen sich für die Ausbrüche der Verbitterung dann doch mobilisieren, jubelten zu den Attacken auf die linksliberalen Medien und genossen es, als der Gaststar Arnold Schwarzenegger den zierlich gebauten Barack Obama rüpelhaft-höhnisch zum Bodybuilding einlud.

Ist diese Reizbarkeit nun verflogen? Es gibt in der alten, jetzt wirtschaftlich zutiefst verunsicherten Mitte Amerikas ein Entfremdungsgefühl, das im Zusammenstoß mit dem siegreichen Phänomen Obama potenziell explosiv ist: Ist dies noch unser Land? Für die kleinen Leute auf der Rechten verkörpert der politische Gezeitenwechsel nicht, wie für ihre Schicksalsgenossen zur Linken, die Zähmung eines wilden Kapitalismus, sondern ein beunruhigendes kulturelles Abenteuer. Was den einen Hoffnung bedeutet, macht den anderen Angst.

Obama, die Demokraten, die Liberalen, die Linke haben den Kulturkampf diesmal nicht einfach geleugnet oder an sich abgleiten lassen, sondern bewusst zum Thema gemacht. Joe Biden, Obamas Vize, anders als sein Chef kein begnadeter Redner, hatte am Tag nach McCains Halloween-Rede vor Studenten in Ohio mit einer pathetischen Absage an die Politik der Spaltung und der Angst seinen besten Augenblick. Der Senator, der zum Brüllen neigt, wurde ganz leise, als er sich die Strategie der Rechten vornahm, Land und Stadt gegeneinander auszuspielen, Weiße und Minderheiten, ein wahres und ein falsches Amerika. Die Menge lauschte, hier und da zustimmend mit einem mehr geflüsterten oder geseufzten "Ja!", wie ergriffen von sich selbst und von der eigenen Nation und davon, dass der Gegenseite endlich, endlich einmal der angemaßte Patriotismus streitig gemacht wurde.