Über die Gestapo wird viel geredet, etliche historische Studien sind über sie geschrieben worden, aber es gab bislang noch keine sachkundige, komprimierte Überblicksdarstellung. Nun haben Carsten Dams und Michael Stolle diese Lücke gefüllt. Beide sind kundig, beide haben zur Gestapo geforscht, und sie kennen sich mit der Polizei aus.

Das erweist sich in diesem Buch, wenn die Gestapo als Institution breiten Raum erhält, ihre organisatorische Gründungsphase und die personellen Rekrutierungsfelder in den Polizeiapparaten der Zeit vor 1933 ausführlich und eingängig dargestellt werden. Zahlreiche altgediente Kriminalbeamte wurden in den ersten Jahren des NS-Regimes zur rasch wachsenden neuen Geheimen Staatspolizei versetzt. Die Leiter der Gestapostellen, so halten Dams und Stolle fest, waren dagegen in der Regel junge, politisch zuverlässige, engagierte Juristen, die insbesondere Werner Best, der Stellvertreter Heydrichs im zentralen Berliner Geheimen Staatspolizeiamt, auswählte.

Besonderes Augenmerk legen die Autoren auf die konkrete Arbeit der Gestapo, die, wie in anderen Polizeibehörden auch, in Ermittlungen, Karteivermerken, Aktenablage, Verhören, Protokollen, eben in bürokratischer Arbeit bestand. Dabei konnte sie sich der Mithilfe der Bevölkerung sicher sein, vor allem was Denunziationen von jüdischen Nachbarn wegen angeblicher "Rassenschande" betraf. Den Großteil ihrer Informationen aber erhielt die Gestapo durch die Zusammenarbeit mit anderen staatlichen und Parteiorganisationen. Blockwarte wie Landgendarmen gaben Meldungen über "besondere Vorkommnisse" an die Gestapo weiter und trugen zu deren Image als "allmächtig und allwissend" bei, wohingegen ihre tatsächliche Reichweite recht begrenzt war.

Hervorzuheben ist, dass die Autoren neben der Terrorpraxis der Gestapo im Reich gegen Kommunisten, Sozialdemokraten, Bibelforscher, "Asoziale", Homosexuelle und vor allem Juden auch die Zeit des Krieges beleuchten. Überall in den besetzten Gebieten kam die Gestapo zum Einsatz, um einzuschüchtern, die einheimische Opposition zu zerschlagen, die Verfolgung und Deportation der Juden in die Vernichtungslager zu organisieren. Auch in den Einsatzgruppen, die Hunderttausende von jüdischen Menschen töteten, taten viele Gestapobeamte ihren "Dienst".

Dass nach dem Krieg nur wenige Gestapoangehörige sich vor Gericht verantworten mussten, ist ein bekannt trauriges Kapitel deutscher Justizgeschichte, das Dams und Stolle am Ende des Buchs noch einmal aufrollen. Dennoch war das Ende der Gestapo definitiv, zumindest in Westdeutschland. Die Trennung von Polizei und Nachrichtendienst ist seither im Grundgesetz festgeschrieben, als Lehre aus dem Gestapoterror – eine Einsicht, die auch in Zeiten des Kampfes gegen den Terrorismus nicht aus dem Blick geraten sollte, wie die beiden Autoren zum Schluss notieren. Michael Wildt

Buch im Gespräch

Carsten Dams/ Michael Stolle: Die Gestapo